Einheit-s-brei

Einheit. Klar, dass das heute kommt, oder? Hey, es ist zwanzigjähriges Jubiläum, vielleicht wirklich die Zeit, sich mal ein wenig damit zu beschäftigen. Bislang habe ich diesen Tag (für die Unwissenden unter uns: 3. Oktober = Tag der deutschen Einheit…) entweder nicht (ca. von 1990-1994) oder als entspannt arbeitsfreien Tag (ab 1995, Start ins Berufsleben) wahrgenommen. Wobei ich nicht mal weiß, ab wann er Feiertag wurde, denn ich meine mich erinnern zu können, dass zunächst der Mauerfalltag des 9. November als Feiertag eingeführt wurde – bin gerade zu faul, um im Web zu recherchieren. Ok, beschäftigen wir uns mit dem heutigen Feiertag (der übrigens an einem Sonntag echt ungünstig liegt ;-)). Wir feiern das Ende des kalten Krieges, den Beginn blühender Landschaften und den erneuten Aufstieg Deutschlands zu einer ernstzunehmenden Wirtschaftsmacht mit hohem Einfluss in der westlichen Welt. Stimmt das?

Nun, der kalte Krieg ist in der Tat vorbei (wobei die Frage zu stellen erlaubt sein muss, ob die Ostblockstaaten diesen nicht ohnehin hätten begraben müssen – no money, no fun, no war), dafür gibt es jetzt Schurkenstaaten, Aufständler und Terroristen … bleibt die Frage, ob es da nicht zumindest beruhigender war, dass man ungefähr wusste, wo der Gegner steht und was er vorhat. Blühende Landschaften gibt es in der Tat. Sogar sehr blühend. Es gibt Geisterstädte im östlichen Teil des Landes, wo sich die Natur wieder frei entfalten kann. Auch der alte Grenzstreifen blüht festlich und lässt die Erinnerung an dort verbreiteten Schrecken verblassen – aber vermutlich war das mit dem Blühen nicht unbedingt biologisch gemeint, gelle? Nur ist die Wirtschaft leider größtenteils VERblüht, eine zwei-,(drei-, vier-)Klassengesellschaft ist entstanden und eine Landflucht nahm ihren Anfang. Von Streit über Soli-, Sozialleistungen und Benachteiligung ganz zu Schweigen. Gut, passt also auch nicht wirklich.

Also feiern wir unseren neuen Status in der westlichen Welt. Es wird viel importiert, manches exportiert, Deutschland steht für Verlässlichkeit und solide Arbeit. Dazu ist man weltweit auch noch der Meinung, dass hier ein inzwischen echt gastfreundliches und friedliches Völkchen lebt – was wohl eher der Fußball-WM 2006 als irgendeiner Wiedervereinigung zu verdanken ist – zumal sich die innerdeutsche Gastfreundschaft durchaus noch in Grenzen hält. Aber zurück zum Thema. Die Einheit hat also dafür gesorgt, dass es uns gelungen ist, unser Land als souveränen und gesunden Staat in der Welt zu präsentieren. Die Arbeitslosenzahlen sind (wenn auch schöngerechnet) auf Rekordkurs nach unten, die Sportler erringen unerwartete Erfolge, Firmen wachsen (gerne auch nach Indien oder Ungarn) und liefern blendende Zahlen ab und die Bürger sind glücklich und zufrieden – das ist doch ein tolles Ergebnis und dafür lohnt es sich zu feiern (ist natürlich auch ne Spur Ironie, klar, oder? Natürlich ist das wichtigste und coolste, dass die einst eingesperrten Menschen des Ostblocks sich nun frei bewegen und ihr Schicksal selbst bestimmen können – und das meine ich vollkommen ernst).

Allerdings hat man in Big D schon manchmal das Gefühl, man ist hier lieber glücklich unzufrieden. Obwohl wir einer der Staaten mit dem höchsten Wohlstandsfaktor sind, wird gejammert, gemeckert, gezetert und geflucht. Über zu geringe Sozialleistungen (schon klar, dass man seit Menschengedenken für seine Kohle arbeiten muss und es nur in wenigen Ländern eine so umfangreiche Unterstützung gibt, wie hier, oder?), zu wenig Engagement der Politiker (die allerdings > 80 Mio. People zufriedenstellen sollen, ohne das Land in den Ruin zu treiben) und zu wenig Einfluss bei ihrem Arbeitgeber (es ist schon klar, dass man jederzeit gehen kann, gelle?). Muss das sein? Es scheint, als seien wir ein Volk des Jammerns und Protests geblieben, wie wir es schon immer waren (ewiggestrige sagen, wir stehen auf für unsere Rechte. Doch stimmt das? Ist es immer Recht? Sehr unwahrscheinlich!) und vermutlich an folgende Generationen weitergeben. Ehrlich gesagt, mir geht’s etwas auf den Keks. Aber lasst uns feiern, dass wir die Zahl der Unzufriedenen in unserem Land mit der Wiedervereinigung am 03. Oktober um gut 30% erhöht haben – auf dass uns das Jammertal niemals in die schöne neue Welt entlässt.

Wir haben heute auch eine Art Vereinigung vollzogen, nach dem morgendlichen Sportprogramm bei McFit ging es zu dritt nach Dortmund, ins altehrwürdige Westfalenstadion, zum Bundesligaschlager BVB – Bayern München. Vereinigung deshalb, weil ein Bayern-, ein BVB- und ein heute neutraler Mönchengladbach-Fan unterwegs waren und (mehr oder weniger) friedlich nebeneinander Platz nahmen. Es war natürlich voll, die Stimmung großartig, aber leider das Spiel eher chancenarm und langweilig. Vor dieses Erlebnis hatte der ehrfürchtige Gott des Straßenbaus allerdings die Sperrung eines wichtigen Autobahnabschnitts gelegt, so dass wir einen großen Umweg zu fahren hatten, der uns (vorbei an blühenden Landschaften, die es aber schon vor 89 gab ;-)) Richtung Ruhrgebiet führte. So cool die Buddies auch sind, ich mag Autofahren einfach nicht besonders – unabhängig davon, ob ich selbst fahre oder Beifahrer bin.

Naja, zurück zur Stadionatmosphäre, laut, passend, stimmig und natürlich überwiegend schwarzgelb. Durch den 2:0-Sieg wurden sie sogar noch seliger, in manchem Fall sogar unverschämt. Ein gut 60jähriger BVB-Fan direkt vor uns, der nicht akzeptieren konnte, dass wir keine heißblütigen Dortmunder Anhänger waren, beschimpfte uns in schöner Regelmäßigkeit und sprang bei den beiden Toren ekstatisch in unsere Richtung, wobei er uns jedesmal seine beiden ledrigen Mittelfinger entgegenreckte. Sehr surreale Art, sich über Tore des eigenen Clubs zu freuen und Gefühle zu präsentieren. Würde ich nicht selbst aus dem Ruhrgebiet kommen, ich würde jedes Vorurteil der Gegend gegenüber sofort als bestätigten Fakt annehmen.

Da aber nicht alle so sind (zum Glück) habe ich dennoch versucht, über ein paar Bilder etwas von der Stimmung im Stadion zu transportieren. Hoffe, es ist mir gelungen. Sehr sympathisch war übrigens die Verkäuferin am Bierstand, die uns statt 15 EUR von der Bezahlkarte (heißt beim BVB standesgemäß „Stadiondeckel“) abzubuchen, versehentlich 20 EUR gutschrieb. So war wenigstens die Nahrung sehr kostengünstig 😉

Nach einigen kulinarischen Leckereien ging es dann zurück ins Rheinland, diesmal mit weniger Stress, da wir hervorragend vom Parkplatz kamen und die Autobahn-Sperrung inzwischen aufgehoben wurde. Da morgen der Start einer neuen Arbeitswoche ansteht, haben wir anschließend nichts mehr unternommen, so dass es auch für mich nur noch heißt: Blog finalisieren und ab in den Stand-by-Modus. Keep on rockin‘ !!

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