Leben und Hilfe aus dem Notizblock

Teamwork

Völkerverständigung. Wohl kaum ein anderer Begriff wird in der internationalen Außen- und Innenpolitik häufiger strapaziert, wenn es um das geregelte oder eben nicht gut funktionierende Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Kultur oder Herkunft geht. In der Regel handelt es sich dabei um Appelle an die in derselben Stadt, jedoch unterschiedlichen Kulturkreisen lebenden Menschen, aufeinander zuzugehen, die „andere Welt“ kennen- und vielleicht sogar schätzen zu lernen. Dies wird umso wichtiger, da sich in Ballungsgebieten auch die Nationalitäten und Religionen mischen. Leider bleibt es oft bei hohlen Phrasen, hinter denen man sich gut verstecken kann, da in unserem (und vermutlich jedem anderen Land) offene Worte und das Ansprechen etwaiger Missstände schnell zu Verunglimpfung der eigenen Person führen kann. Man mag zum Beispiel von Thilo Sarrazin halten, was man möchte, doch die meisten Aussagen seines aktuellen Buchs sind einfach faktisch belegt und somit nicht zu widerlegen. Die Art der polemischen Aufbereitung durch die Presse, die Politiker und in einem großen Maße auch ihm selbst, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, da man in der Lage sein sollte, sich sein eigenes Bild zu machen. Klar waren die Aussagen provokant, scharf formuliert und teilweise gezielt angreifend – als Taktik nicht schlecht, denn so wird zumindest Aufmerksamkeit erregt. Aber auch wenn ich nicht hinter allen Aussagen und vor allem nicht hinter allen Vorschlägen zur Abhilfe stehe, halte ich die nationale Kasteiung Sarrazins für falsch und gefährlich – wie sollen sich Missstände ändern lassen, wenn man sich kaum trauen darf, sie auszusprechen? Klar gibt es auch viele unnötigen Diskussionen (ich möchte meinen, dass es die meisten sind), aber es besteht durchaus die Gefahr, wichtige Themen außer Acht zu lassen. Wie wichtig es ist, für einen Staat unbequeme, aber menschlich wichtige Wahrheiten auszusprechen, hat der heute mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Liu Xiaobo gezeigt, der über Jahre die chinesische Regierung zurecht mit Worten bekämpft hat und dafür in der Vergangenheit unzählige Strafen hinnehmen musste. Trotzdem steht er dafür ein, was er sagt, womit ihm weltweite Unterstützung und Zuspruch zufliegt. Warum die Chinesen vor seinen Worten Angst haben, ist klar: Sie sind stärker als Waffen, vereinen Menschen und machen anderen Mut, selbst für die Befreiung aufzustehen und einzutreten. Auch das ist eine Form der Völkerverständigung in einem zerrütteten Land mit unmenschlicher Regierung.

Unsere Völkerverständigung begann beim extrem leckeren Frühstück, da mir oblag, mit den Köchen über die gewünschte Zubereitung des Tees und unseres Rühreis debattieren zu dürfen – mangels Sprachkenntnissen eher theatralisch, wozu wir allerdings wohl beide ein gewisses Talent hatten 😉 Nach dem Essen kauften wir im Türkei-Rausch erstmal ne Mustafa Sandal-CD und wagten uns wieder in den halsbrecherischen Verkehr von Antalya. Unser Ziel war Göynük, doch zuvor war Tanken angesagt. Hier: Schock! 3,80 für 1 Liter Benzin … ok, Lira, aber das sind immer noch gut zwei Euro pro Liter. Wahnsinnig teuer, hier muss ich mal recherchieren, warum. Überrascht hat mich das vor allem deshalb, weil hier ja nicht so gut verdient wird, aber trotzdem massenhaft Autofahrer rasant und wenig spritsparend unterwegs sind. Egal, ich schlängelte mich wieder ordnungsgemäß auf der 2 1/2ten Spur ein und ließ mich aus der Stadt hinausquetschen. Auf dem Freeway konnten wir dann ein wenig durchatmen, nach dem städtischen Chaos war die Fahrt dort ein Kindergeburtstag.

In Göynük angekommen inspizierten wir erstmal die Shopping-Avenue, die aus typisch touristischen Läden bestand, bestückt mit Lederwaren, Sonnenbrillen und Klamotten aller Art, natürlich alles Minimum GStar, Hilfiger oder RayBan, und natürlich echt 😉 Wie bereits vor der Reise angenommen, scheinen die Russen inzwischen den Großteil der Touristen auszumachen, da sämtliche Preise nur in Euro oder $ ausgezeichnet waren und sämtliche Schilder bevorzugt russische Schriftzeichen enthielten. Gegenüber des Themenhotels Queen Elizabeth, das mächtig abgetakelt wirkte und dringend mal in die Werft müsste, erwarben wir einige Postkarten und machten, dass wir schleunigst aus diesem seltsamen Mix aus Markt, Kaufhaus und Russendisco wegkamen. Unser eigentliches Ziel war sowieso die Wanderung zum ortsansässigen Canyon und Wasserfall, die wir trotz einsetzenden Regens nun auch antraten. Vorbei an Einheimischen, über ein Flussbett und den Berg hinauf, kamen wir nach gut 30 Minuten an das Eingangstor des Canyons, wo erstmal fünf Lira Eintritt pro Person fällig wurden. Die Lebenshaltungskosten scheinen eher gering zu sein, aber über Eintrittsgelder werden die Besucher wohl überall hier in die fällige Staatssanierung eingebunden. Für uns kein Problem, wir atmen ja auch die entsprechende Luft. Unser Weg führte und entsprechend weiter, erst auf den durch den nächtlichen Regen gut gefüllten Canyon, dann über eine wacklige Brücke sogar darüber hinweg. Weiter ging es, an künstlichen Seen, Höhlen und Rastplätzen vorbei. Nach einer weiteren Flussüberquerung ging es die Fluten entlang bis zum Eingang des eigentlichen Canyon. Hier folgte die Ernüchterung, das Wasser stand durch den Regen so hoch, dass man nicht zum Wasserfall vordringen konnte. Also blieb uns nur, ein paar Fotos zu schießen und unverrichteter Dinge den Rückweg anzutreten.

Dieser bot dann allerdings gleich einige positive Überraschungen. Zunächst wurde mein Girly fast zu Tode erschreckt, da sie eine große Spinne vor sich wähnte (die gibt es hier wirklich), bis wir feststellten, dass es sich um eine coole, mitten auf dem Weg wandernde Krabbe handelte. Ich vermutete richtig, dass es in der Nähe noch mehr geben könnte und so fanden wir ein Weibchen an der Felswand. Sie ließen auch einige Fotos zu, die ich hier auch eingefügt habe. Es ging positiv weiter, wir trafen Tomasz, einen einsamen polnischen Wanderer aus Posen/ Polen, der vor zwei Wochen seine Beziehung verlor und zum Auftanken und Nachdenken in der Türkei weilt. Er sprach perfekt Deutsch, durch einen 9-monatigen Aufenthalt in Bonn und München mittels Stipendium der Robert-Bosch-Stiftung, und so wurde es ein sehr kurzweiliger und spaßiger Rückweg. Er erwähnte noch einen steilen Aufstiegspfad, dem wir willig folgten und der uns nach 30 sehr mühsamen Minuten atemberaubende Ausblicke bot. Selbst der Abstieg wurde wider Erwarten nicht zum Horrortrip, wir gelangten sicher zum Auto und haben Tomasz dann auch noch zu seinem Hotel gefahren. Gelebte Völkerverständigung mit absolut positivem Erinnerungswert.

Gegen 18 Uhr waren wir zurück im Hotel und inspizierten vor dem Essen nochmal den Fitnessbereich – mussten ja checken, ob alles noch funktioniert 🙂 Die Einheit war kurz und gut, meine Muskeln zittern jetzt noch … anschließend ging’s Duschen und dann zum Abendbuffet – nicht ganz so toll wie gestern, aber das ist ja Geschmackssache. Mir fehlte einfach das Hühnchen von gestern (klar, ist ja auch in meinem Bauch, bzw. inzwischen bestimmt anderweitig verarbeitet ;-)).

Zu guter Letzt habe ich noch über Skype mit einem Kumpel aus Deutschland telefoniert und schaue mir gerade den letzten Teil der heutigen Völkerverständigung an, während Girly schon schläft – Deutschland gegen die Türkei in der EM-Qualifikation. Noch sieht’s gut aus für good old germany … hoffentlich habt auch ihr den Tag genossen und könnt, wie ich, sagen: Das war ein richtig toller Tag. Keep on rockin‘ !!

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