Leben und Hilfe aus dem Notizblock

Irre am Sonntag

Premierenfieber. Alle Schauspieler, die etwas zum ersten Mal vorführen müssen, Musiker, die erstmals auf der Bühne stehen, auch Schüler, die vor der Klasse etwas präsentieren oder berichten müssen, kennen dieses Gefühl nur zu gut. Diese fiebrige Erwartung, das Kribbeln und im schlimmsten Fall zuschnüren des Magens, die Nervosität und der Drang, alle zwei Minuten die Toilette aufzusuchen. Ebenso geht es Sportlern, möglicherweise sogar mehrfach oder gar ständig im Verlauf einer Karriere. Vermag das erste Match wahrscheinlich der bewegendste Moment sein, so können besondere Spiele dennoch zu weiteren Premieren werden – erstmals im Derby, im Finale, in den Playoffs, was auch immer. Manchmal gibt es gar Premieren auf beiden oder sogar noch mehreren Seiten, wenn beispielsweise ein Schauspieler sein Bühnendebüt in einer Uraufführung bestreitet, während einer der Zuschauer sein erstes Theaterstück besucht.

So ähnlich könnte es am heutigen Abend gewesen sein, auch wenn ich nicht weiß, ob einer der Akteure von Franz Schrekers Stück Irrelohe heute seinen Erstauftritt vor Publikum hat. Zumindest handelte es sich um die Premiere dieser Oper im Bonner Opernhaus nahe des Rheinufers und es war, man mag es kaum glaube (und konnte es ob der langen Vorrede wohl auch kaum erahnen) mein erster Besuch einer Oper, steigernd noch gar der erste Besuch des Bonner Opernhauses. Erwartungsfroh kaufte ich spontan und vollkommen ungeplant für 14 EUR ein Ticket in der vorletzten Reihe und setzte mich um 17.50 Uhr auf meinen Platz. Da die Beschreibung der Oper sehr lang zu werden drohte, habe ich die entsprechenden Inhaltspassagen kursiv dargestellt. Bei Desinteresse könnt ihr dies also problemlos überlesen und euch nur meine persönlichen Erfahrungen zu Gemüte führen – aber dann verpasst ihr eventuell etwas 🙂

Während mich aus den Lautsprechern wirre Orchestermusik leise auf die kommenden Stunden einzustimmen versuchte, konnte ich vortrefflich die Menschen beobachten, die nach und nach den Saal betraten und erwartungsfroh ihre Plätze einnahmen. Da, am Aufgang, der junge Mann, dem ich eben in der Tiefgarage die Tür aufhielt – er ist offenbar der Kameramann der Bonner Oper, steht hinter seinem nun startbereiten Equipment und teilt eine Besonderheit mit mir: wir sind beide nicht operngerecht gekleidet und damit nahezu allein. Das fiel mir allerdings bereits im Foyer auf und hielt mich fast vom Kartenkauf ab: Der absolute Großteil der Besucher befand sich in gehobener, wenn nicht sogar Abendgarderobe, während ich nur Sneaker, Cargohose und Pulli trug, da ich ursprünglich lediglich beim verkaufsoffenen Sonntag in Bonn weilte und zufällig im Parkhaus der Oper geparkt hatte. Zurück zu den Gästen, auch der Altersdurchschnitt lag deutlich über dem Kameramann und mir. Noch immer rekrutiert diese Form der Unterhaltung ihr Publikum größtenteils aus der Altersklasse „Rentner und kurz davor“, was aus dem gesellschaftlichen (und nicht besonders verzerrten) Bild der Oper an sich hervorgehen dürfte: Kompliziert, anspruchsvoll, im Vergleich zum Musical erschreckend langsam und dazu noch ein Gesang, für den man entweder Fremdsprachenkenntnisse oder zumindest ein hervorragendes Hörverständnis benötigt – denn auch auf Deutsch ist zumindest der weibliche Operngesang schwer zu verstehen.

Nun, zumindest Fremdsprachen waren heute nicht gefragt, das Stück wurde in deutscher Sprache aufgeführt und schon der Auftakt, die instrumentale Einführung, wusste das Publikum zu fesseln. Ein Musikstück, das auch hervorragend auf den Soundtrack dramatischer Filme passen würde, Auf und Ab spielte das Orchester und ließ ein beachtliches Schauspiel erwarten. Der Vorhang öffnete sich zum ersten Akt und die Szenerie war eine typisch amerikanische Bar mit entsprechenden Tischen und Bänken, einer Jukebox und verschiedenen Menschen, darunter der Barkeeper und seine Mutter, die diesen Akt gesanglich eröffneten. Gegenseitig klagten sie sich ihr Leid, sie verfluchte das Altern, während er wiederholt nach der Identität seines Vaters fragte. Aus dem riesigen Fenster konnte man alte LKWs erblicken und immer wieder Passanten, von denen einer die Bar betrat, kurz nachdem die Mutter diese verlassen hatte. Auch er parlierte mit dem Wirt, erzählte gestenreich seine Geschichte, die dem Wirt die reine Panik ins Gesicht meißelt – sein Vater ist der verstorbene Graf der naheliegenden Burg, der seine Mutter vor aller Augen vergewaltigt und ihn somit gezeugt hat. Der Alte, ein verflossener Geliebter der Mutter, verschwand, verschwand bevor die Bar schloss und alle Gäste verabschiedet wurden. Nun folgte der Auftritt der verhängnisvollen Frau Eva, der große Schwarm des Wirtes, die ihm die Liebe zu einem anderen Mann andeutete, damit kokettierte und schlussendlich genüsslich ein Glas Bier über ihren Leib kippte. Verstört, verletzt und von Sinnen ruft der Wirt zum Abschluss des Aktes aus, dass nun nur noch der Selbstmord bleibt und stürmt aus der Bar, während der Vorhang fällt und den Akt beschließt.

Kaum geht das Licht an, stürmt die Herde nach draußen, um den natürlichen menschlichen Bedürfnissen nachzugehen – pinkeln und saufen. Sofort setzt wieder die etwas verstörende Musik vom Anfang ein, was mich zur Frage führt, ob ich damit wohl auch aus dem Saal gescheucht werden soll. Unbeeindruckt davon bleibe ich aber sitzen und erwarte die Rückkehr der Meute, die nach mehrfachem Schrillen der Erinnerungsglocke zurückgeeilt kommt – Glocke ist übrigens viel zu positiv, das Schrillen klingt nach einem Telefon der 80er Jahre, man kann es noch heute in alten Lindenstraßenfolgen hören. Spannend, dass nun eine Vielzahl der Gäste aus dn hinteren Reihen zunächst an der Tür wartete, um erwartungsvoll umherzublicken, ob nicht vorne etwas bessere

Nun denn, der zweite Akt begann erneut mit einem großartigen musikalischen Intro, bevor sich der Vorhang hob und eine neue Szenerie die Aufmerksamkeit der Besucher in Anspruch nahm. Die Militärfahrzeuge aus dem Anfangsakt bildeten nun die Mitte der Bühne und Kerngeschichte war die verzweifelte Sehnsucht der beiden Alten aus der Bar, die weder ein, noch aus wissen und einander nah sind, aber erstmal nicht zueinander finden. Dramaturgisches Prunkstück war der Geigenkoffer des Mannes, der, kaum geöffnet, aus seinem Innern lichterloh brannte. Hervorragend. Der Vorhang schloss sich, das Orchester setzte zu einem weiteren vorzüglichen Stück an und unterhielt das Publikum während der Bühnenarbeiten großartig. Nach einigen Minuten gab der Vorhang den Blick wieder frei und der zweite Teil des Akts konnte beginnen. Spartanisch eingerichtet befand sich der Sohn des Grafen mit einem Begleiter um ein Blumenarrangement platziert und eine Debatte über Sinn und Unsinn der Kontaktaufnahme mit seiner Verlobten Eva brach aus, bevor er seinen Freund davon überzeugen konnte, mit Brief und Blumen für sie von dannen zu ziehen. Kaum war er fort, kam besagte Frau schon auf die Bühne, ihres Zeichens eben die Frau aus der Bar. Gegenseitig sprachen sie einander Vorwürfe und Entschuldigungen aus, bis die finale Dynamik dieses Aktes in einer wunderbaren gemeinsamen Sinfonie im Innern eines tollen historischen Cabriolets endete.

In der Pause bot sich das gleiche Bild wie zuvor – schnell war ich allein und hatte Gelegenheit, das eben gesehene sacken und die Gedanken schweifen zu lassen. Wie ein Besucher eben sagte: Die Pausen bieten eine schöne Gelegenheit, sich mal die Beine zu vertreten – nun, ehrlich gesagt wäre es mir auch recht gewesen, wenn es nur zwei Akte gegeben hätte, aber ich wurde ja nicht zum Bleiben gezwungen. Außerdem vergeht so eine Pause ja auch rasch under dritte, der finale Akt kündigte sich durch das Orchesteropening an. Ohne Umschweife kann ich hier schonmal schreiben, dass dieses Ensemble für mich das wahre Highlight des Abends war. Die musikalische Prasentation war einfach formidabel.

Der dritte Akt nun führte die Geschichte erwartungsgemäß zusammen, es wird Hochzeit gefeiert. Eva ehelicht den Sohn des Grafen, den Halbbruder des Wirtes, der seinerseits in sie verliebt ist. Eine feudale Feier, wundervoll und farbenfroh inszeniert, mit Tanz, Kindern und vielen Gästen, wird durch den Auftritt des Wirtes je unterbrochen und nimmt den erwartet unheilvollen Lauf. Die Halbbrüder duellieren sich, während die Burg im Hintergrund eindrucksvoll in Flammen aufgeht und die Aufmerksamkeit der Hochzeitsgäste auf sich zieht. De Sohn des Grafen gewinnt den Zweikampf, tötet den Wirt und reißt seine Eva an sich, während die Mutter des Wirtes ihrer Verzweiflung Luft macht und schließlich zusammenbricht. Das Ehepaar besteigt das Hochzeitscabriolet, fährt vondannen und der finale Vorhang fällt. Berechtigterweise gab es für diese erstaunlich gefühlvolle und mitreißende Inszenierung Standing Ovations, denn im Großen und Ganzen passte alles: Das Orchester war fantastisch, die Musik führte die Geschichte, die Schauspieler waren in Tanz, Gesang und Theater herausragend und die Story fügte sich perfekt ineinander. Als Oper-Neuling kann ich nur sagen: Bravo, ich werde wiederkommen. Schaut euch das Stück an und lasst euch nicht von Vorurteilen, sondern von großen Gefühlen leiten.

Allen, die ich mit dieser ausufernden Beschreibung noch nicht vergrault habe (oder die einfach fleißig runtergescrollt haben) erzähle ich gerne noch vom Rest des Tages, der seinen Anfang in einer großartigen Fitnesssession nahm, wo ich meine Übungen erstmals in einem Fitnesstagebuch notierte, welches ich nun immer dabeihaben und führen möchte. Das motivierte ungemein und so dauerte das Training mit Buddy und Girly gar über zwei Stunden. Die Kombination aus Kraft und Ausdauer war erfrischend und mittags daheim war die Dusche eine grandiose Wohltat. Somit hatten wir uns das Frühstück im einzigartigstens Café von Bad Godesberg, dem Café Schöner, redlich verdient. Hier kehrt vor allem die ältere Generation ein, was es umso erstaunlicher macht, dass das große Frühstück wahrhaft so groß ist, dass ich es nicht alleine verzehrt bekomme. Nun gut, so waren wir wenigstens gesättigt und konnte mein Girly ruhigen Gewissens zur Arbeit schicken. Im gleichen Schwung machte ich mich zu besagtem verkaufsoffenen Sonntag in der Bonner City auf, parkte bekanntlich im Opernparkhaus und schlenderte in aller Ruhe durch die Geschäfte. Bei Snipes erwarb ich einen coolen Kapuzenpulli und kurz vor Ladenschluss schlenderte ich, wie oben bereits erwähnt, zum Parkhaus zurück, wo der Kern des restlichen Abends seinen Lauf nahm.

Nachdem das Stück nun vorüber ist und ich mich bei McDonalds mit einem McChicken gestärkt habe, schaue ich nun die Bundesliga im TV, finalisiere den Blog und werde gleich noch in die Badewanne hüpfen. Morgen startet immerhin nochmal eine anstrengende Arbeitswoche, bevor es vemrutlich danach etwas ruhiger dem Jahresende entgegengeht. Dementsprechend wird jetzt erstmal relaxed und die Hand gekühlt 🙂 Keep on rockin´ !!

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