Leben und Hilfe aus dem Notizblock

Ein lyrischer Moment! (015/366)

Gedichte. Die allmächtige Ausdrucksform jugendlicher Trauer und Verliebtheit. Die Sprache der weichen Intellektuellen. Die in Schönheit verpackte Kritik. Viele Gesichter hat diese wohl schönste lyrische Stilrichtung, die von den meisten nur dann aus der historischen Kiste gekramt wird, wenn Kreativität, Ausdruck und Schönheit im Rahmen eines besonderen Anlasses gefordert sind. Bei Hochzeiten zum Beispiel, (runden) Geburtstagen und Trauerfällen. Manchmal ist es aber auch außer der Reihe schön, ein richtig bewegendes Essay empfohlen zu kriegen.

Heute ist mir genau das wiederfahren. Im Rahmen einer Unterhaltung, in der es über Grenzen des Lebens, Veränderungen und stetiger Notwendigkeit der Erneuerung ging, wurde mir Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ ans Herz gelegt. Zu meiner Schande, vermutlich mangels Abitur, hatte ich es noch nie zuvor gelesen. Doch will ich es euch nicht vorenthalten, hat seine Lektüre mich doch tatsächlich und unerwartet fesseln können. Aber lest es nicht in Eile, nehmt euch ein wenig Zeit, die Worte wirken zu lassen. Ob in freudigen oder schwermütigen Zeiten, ob jung oder alt, es entfaltet eine vortreffliche Aussage. Für jeden passend, obwohl stets individuell. Hier kommt es.

Stufen (Hermann Hesse)

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Zuviel versprochen?

Keep on rockin´
Ree

 

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