Die Mär vom Weiterziehen! (087/366)

Loslassen. Etwas oder jemanden gehen lassen, um selbst wieder vorwärts zu kommen. Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern sich voller Tatendrang in Arbeit, Spaß und Spannung stürzen. Den Jobverlust als Chance betrachten, die letzte Beziehung hinter sich lassen, Enttäuschungen wegstecken und einen Neuanfang wagen, ohne wehmütigen Blick zurück.

So oder so ähnlich lauten Ratschläge, die im Laufe eines Lebens auf die meisten von uns einprasseln. Ich war mal wieder schlaflos, letzte Nacht, was mir häufig passiert und nicht immer angenehm ist, doch der Verstand war klarer als sonst und so konnte ich mir ein paar Gedanken machen, die ansonsten häufig unter der Oberfläche bleiben. Weil sie weh tun können.

Die Story vom Weiterziehen müssen war dabei und hat mich stundenlang beschäftigt. Warum schaffe ich es nicht, Niederlagen, Verluste, Rückschläge vernünftig zu verarbeiten? Bin ich ein Weichei, bin ich irgendwie gestört? Nicht dass ihr mich falsch versteht, ich meine nicht dieses Gefühl, nach einer wenig ideal verlaufenen Trainingseinheit zwei Tage Frust zu schieben, nein, ich schreibe von monate- und jahrelang nicht verarbeiteten Geschichten, die mal mehr, mal weniger intensiv den Tag beeinflussen, aber offensichtlich nie wirklich zum Abschluss kommen werden.

Die jüngste, nun auch schon seit Monaten schwelende Situation stellt dabei die heftigste Erfahrung meines Lebens dar, hat sie mich doch emotional schwerer getroffen, als ich mir jemals hätte ausmalen können und bestimmt nach wie vor jeden Tag meines kargen Daseins. Doch ist sie nicht allein; tagtäglich werde ich durch kleine Blitzlichter an gescheiterte berufliche Momente erinnert, kommen Beziehungsprobleme einer weit zurück liegenden Vergangenheit ans Tageslicht und werden meine Versäumnisse hinsichtlich der angestrebten Sportkarriere offenkundig.

Bin ich ein Gescheiterter? Ich soll daraus für die Zukunft lernen und diese Erfahrungen in neue Erlebnisse umwandeln, quasi das Gute aus dem Schlechten extrahieren und zur Anreicherung paradiesischer Zustände führen. Eben Weiterziehen und die Vergangenheit ruhen lassen. Nur, das gelingt mir nicht. Ich vertraue nun, seit diesem Jahr, fast gar nicht mehr, weder mir selbst, noch meinem Umfeld. Überall erwarte ich, wieder enttäuscht zu werden (und werde es möglicherweise gerade deshalb immer mal wieder). Ohne Vertrauen in sich selbst ist aber auch Vertrauen in andere und erst recht in die Zukunft nicht möglich.

Wie kommt man da raus? Rückschritt, Stillstand, Veränderung? Was ich will, kriege ich nicht (weder beruflich, noch privat), was ich kriegen kann, will ich nicht und was ich habe macht mich aktuell nicht glücklich. Ein Kreislauf, aus dem ich mich befreien sollte. Führt nur zum Beginn des Ganzen: Wie? Manchmal wünschte ich, ein kalter, seelenloser Zeitgenosse zu sein, der sich nur einmal schüttelt und die nächste Jagd beginnt. Dann wäre ich nicht mehr ich. Möglicherweise ein schlechterer Mensch. Aber vielleicht glücklicher?

Keep on rockin´
Ree

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