Auch mal einfach treiben lassen! (183/366)

Ungeplant. So kann man auch mal einen Tag im Urlaub verbringen. Selbst, wenn es eigentlich doch einen Plan gibt, ein Ausflugsziel, mit sehr konkretem Abfahrtsdatum, frühmorgens um sieben Uhr (wohlgemerkt, im Urlaub!). Aber eben darüber hinaus nichts festzulegen, obwohl eigentlich viel zu wenig Zeit zur Verfügung steht, das ist das eigentliche Wagnis. Klein zwar, aber durchaus ein Anfang.

So stand der Trip nach Venedig also unter einem spannenden Motto, dem „treiben lassen“. Die Fahrt verlief wenig spektakulär, 90 Minuten über Italiens Autostrada, mautpflichtig, gut in Schuss, ohne Aufregung. Soweit prima. Das bekanntermaßen teure Parkhaus „Trovecchio“ ließ sich ebenfalls problemlos ansteuern, so dass das erste Abenteuer flugs beginnen konnte: Irgendwie in die Lagune kommen. Ok, Venedig macht es einem diesbezüglich leicht, befindet sich doch unmittelbar am Parkhausausgang ein Ticketschalter der öffentlichen Verkehrsmittel, die hier natürlich in Form von Wasserbussen haben. Spontan für ein 24-Stunden-Ticket entschieden und 20 EUR pro Person dafür auf den Tisch gelegt, konnte es endlich losgehen, auf´s Wasser, Richtung schwimmender Stadt.

  

Schon das Warten an einer Haltestelle, designed wie ein deutsches Bushäuschen, aber eben auf einer Plattform im Wasser schaukelnd, erwies sich als erstes Highlight. Ohne ein Boot auch nur gesehen zu haben, konnte hier der erste kleine Beweis der Seetüchtigkeit erbracht werden (und wem bei dieser sanften Schaukelei schon etwas übel wird, dem sei gesagt, dass es auf der Überfahrt noch ein wenig mehr schwanken wird). Auch die Wasserbusse selbst erwiesen sich als hervorragende Kopie ihrer Pendants auf der Straße, mit modernen Sitzreihen und einer Streckenanzeige der jeweiligen Haltestellen versehen. Die Überfahrt von der Parkausinsel in die eigentliche Lagune geriet dann weniger spektakulär als erwartet; man gleitet am Meer entlang dahin und erhascht einen Blick auf die ankernden Kreuzfahrtschiffe und Milliardärsyachten. Aktuell vor Anker lag das Schiff von Heidi Horten, österreichische Kaufhauserbin und offensichtlich nicht ganz arm.

  An der Haltestelle Markusplatz hüpften wir heraus, in der Erwartung, dass es um diese Uhrzeit (es war kurz vor 9) noch nicht so grauenhaft voll sein würde, wie die unterschiedlichsten Berichte vermuten ließen. Nun, wie wir am Nachmittag erfahren sollten, stimmte das tatsächlich und dennoch erschraken wir schon ein wenig ob der durchaus nicht wenigen Menschen. Vergleichbar mit einer gut besuchten deutschen Einkaufsstraße an einem Samstagmittag, schlängelten wir uns durch die in erster Linie asiatischen Besucher und wollten zunächst eine kurze Lagebesprechung abhalten. Allerdings kamen uns, respektive meinem Patentöchterchen, zwei der üblichen, in traditionell venezianischen Gewändern gekleidete Damen in die Quere, welchen es tatsächlich gelang, ihr die Hand zu reichen und sie zu einem gemeinsamen Foto zu nötigen. Ergebnis war, dass von meinem Kumpel für diesen Service mal eben 20 EUR Gebühr verlangt wurde; nur gut, dass er groß, charakter- und durchsetzungsstark ist. 2 EUR ließ er schlussendlich dort, wobei ich aufgrund der bekannten Dreistigkeit froh gewesen wäre, er hätte ihr noch 5 EUR für die Ehre entrissen, die Hand seiner Tochter gehalten haben zu dürfen. Nun gut, man kann nicht alles haben. Die Kleine weiß nun, dass man nicht jeder verkleideten Magd die Hand reichen sollte und wir bekamen unmittelbar nach Ankunft in der Lagune eine Lektion in Sachen erhöhter Aufmerksamkeit. Somit war alles fein. 

  Nach diesem Erlebnis beschlossen wir, an unserem ursrpünglichen Vorhaben festzuhalten und nicht erstmal stundenlang über die nächsten Schritte nachzudenken oder gar in einer neuen, unbekannten, Stadt einen Stadtplan zu besorgen, sondern uns einfach unbeschwert auf den Weg zu machen. Wir gelangten auf eine Brücke, unter welcher sich bereits jetzt die Gondeln mit widerum ausnahmslos asiatischen Gästen stauten, erspähten von ihrem Mittelpunkt aus die Seufzerbrücke und ließen uns am faszinierenden Dogenpalast vorbei auf den Markusplatz treiben. Shocking, die Schlange zum Betreten des Doms reichte bereits bis zur Wasserkante, doch juckte uns das nicht; wir bewunderten die Schönheit desselben und der ihn umgebenden Gebäude einfach von außen, umrundeten die Plätze und erfreuten uns an der wahrhaft beeindruckenden Gesamtkomposition. Venedig ist ein Museum und mit den ihn einrahmenden architektonischen Meisterwerke sind der Markus- und sein Nachbarplatz sicherlich die zentralen Kunstwerke. Erfreulich, dass wir früh genug vor Ort waren, um tatsächlich überall gute Sicht zu haben, denn die Menschenmassen konzentrierten sich in der Tat auf das Vorhaben, in die entsprechenden Sehenswürdigkeiten zu gelangen. Auch wenn wir uns sicher waren, dass eine Innenbesichtigung von großem Wert sein würde, beschlossen wir, dies auf einen Folgebesuch im Herbst oder Frühjahr zu verschieben. 

  So ließen wir uns weiter treiben, flanierten durch enge und erst langsam erwachende Gassen, gönnten uns eine kleine schokogefüllte Leckerei vor einer weiteren Kirche (die innen äußerst liebevoll ausgestattet worden war), erstanden im Hardrock-Café einen coolen Sweater für das eine und Mitbringsel für das andere Patenkind und hielten einige Szenen typisch touristischer Verhaltensweisen bildlich fest. Nach einiger Zeit dann, kamen wir an der aktuell in Renovierung befindlichen Rialto-Brücke vorbei, wo uns ein menschliches Bedürfnis überkam und uns dazu verleitete, einen der teuren Fehler zu begehen, die wir eigentlich zu vermeiden versuchten: Wir setzten uns in ein Restaurant am Canal Grande, mit Blick auf die Brücke, und bestellten Eis, sowie je ein Getränk. Das Positive, wir konnten die dortige Toilette benutzen. Ärgerlich, aber zu erwarten, war, dass es jeden von uns für ein mikroskopisches Eis und Mini-Getränk knapp 15 EUR kostete und der Kellner auch noch über zu wenig Trinkgeld jammerte. Welcome to Venice, aber natürlich selbst Schuld.

   

 Doch schon kurz darauf, nachdem ich mir ein kleines, aber höchst liebevell gestaltetes Leonardo-da-Vinci-Museum zu Gemüte geführt hatte, wurde unser Bild dieser wahrhaft beeindruckenden Stadt auch preislich wieder in ein besseres Licht gerückt. Unser Spaziergang führte uns auf einen faszinierend schönen Platz direkt gegenüber des deutschen und österreichischen Generalkonsulats, wo wir unser kulinarisches Highlight erlebten. Überall verstreut standen und saßen Menschen jeden Alters, jeder Schicht, mit Weingläsern in der einen und kleinen belegten Brötchen in der anderen Hand, mal die Füße im Wasser baumelnd, mal die Treppen eines monumentalen Gebäudes besetzend. Es wurde gelacht, geredet, genossen und wir konnten den Initiator dieses Gewusels rasch ausmachen. Ein unglaublich kleines Lokal, ohne eigene Sitzgelegenheiten, welches zehn verschiedene Weinsorten für durchschnittlich 80ct (!!) das Glas anbietet, dazu die angesprochenen, dick belegten Brötchen für gut 1 EUR, alles in herausragender Qualität. Kein Wunder, dass der Zulauf groß war, dennoch kippte die Athmosphäre nicht, da es sich wohl eher um einen Insider-Studententreff handelt und nur wenige Touristen diesen Spot in dem Gewirr der Gassen entdecken. Es war schön, nun dazu zu gehören und so ein wenig echte venezianische Athmosphäre schnuppern zu dürfen.  

   

 Beseelt von Speis und Trank gelangten wir, weiterhin völlig planlos, zur Plaza Roma, was sich schier schicksalhaft ergab, da mein bester Kumpel gerne eine Stadtrundfahrt vom Wasser aus absolvieren wollte und sich dafür die Linie 1 ganz vorzüglich eignet, da sie alle Sehenswürdigkeit abfährt. Zudem hatten wir ja sowieso ein gültiges 24-Stunden-Ticket, nur war uns klar, dass diese Idee nicht nur wir haben würden, wodurch es sinnvoll erschien, an der Starthaltestelle zuzusteigen. Nun, genau das ist die Plaza Roma, was wollten wir also mehr; rein in den Wasserbus und ab die wilde Fahrt. Und ja, vom Wasser aus erscheint die Stadt nochmal historischer, gewaltiger, monumentaler. Eine Stunde dauerte die Runde und just als wir abschließend in die Linie umsteigen wollten, die uns zurück zum Parkhaus bringen sollte, brach ein Unwetter los, das die Gondoliere wie Berserker gegen den Wind ankämpfen und sämtliche Passagiere völlig durchnässt zurück ließ. Wir konnten dieses Spektakel vom trockenen, schwer schaukelnden Wasserbus aus blenden beobachten und eine gewisse Schadenfreude natürlich nicht verbergen. 80 EUR für eine Gondelfahrt und dann so etwas – wir hätten uns ziemlich geärgert, wären wir an der Stelle jener Passagiere gewesen.

   

 So erreichten wir aber trockenen Fußes das Parkhaus, warfen nochmal einen Blick zurück auf die Lagunge, über welcher sich eine Wolke unheilvoll aufgetan hatte und betraten schlussendlich unser Auto, das uns zuverlässig und erneut staufrei zurück in unser Hotel am Gardasee brachte. Bei einem leckeren Abendessen im Grill-Restaurant ließen wir den Tag Revue passieren und waren uns rasch einig: Venedig lohnt einen weiteren Besuch, doch sollte die Hauptsaison (wozu erst recht der Karneval zählt) gemieden werden. Was keine Überraschung ist.

Keep on rockin´

Ree 

   
   

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