Leben und Hilfe aus dem Notizblock

Vom Land, das Druck erzeugt!

Siegeswille. Ich möchte euch heute etwas erzählen, was mir mein Arzt aus seinen langjährigen Erfahrungen heraus mitgegeben hat. Eine Geschichte über Druck, falsche Vorstellungen und wie wir es als Deutschland schaffen, Weltmeister in einer höchst unwürdigen Disziplin zu sein. Es geht um Depressionen und all ihre Vorstufen.

Bekanntermaßen habe ich mich, weil mein Körper streikte, sich aber keine physischen Erklärungen finden ließen, zu meinem Arzt begeben, um Gründe für diese außergewöhnlichen Erscheinungen zu finden. Nach kurzer Auflistung der mich seit etwa drei Jahren auf Trab haltenden Themen (da wären der Fund meines toten Nachbarn nach Blutsturz = Horrorfilm im echten Leben, unerwartete Scheidungssituation, schwere Erkrankungen im engsten Freundes- und Familienkreis, Verlust des Arbeitsplatzes – verbunden mit Ortswechsel) stellte er unumwunden fest, dass ich mich auf dem besten Weg Richtung Burn-Out befinden würde und dringend die Reißleine zu ziehen hätte.

Er begründete dies mit unserer Kultur, nannte es daher auch „das deutsche Problem“ und unterlegte seine Aussage mit weiteren interessanten Beobachtungen, die mir im Einzelnen alle bewusst sind, in einer Gesamtbetrachtung bisher aber eher nicht auftauchten. So erwähnte er zum Beispiel den gängigen Leistungsdruck in vielerlei Berufen, in denen Mitarbeiter, die „lediglich“ ihre vertraglich vereinbarte Arbeitszeit (z. B. 38 Stunden) ableisteten, als faul gelten. Die viel zitierte Extra-Meile sei nicht auf karriereorientierte Menschen reduziert, sondern inzwischen nahezu überall eingefordert, vom Call-Center-Agent über den Sachbearbeiter bis hin zur Führungskraft.

Darüber hinaus seien wir inzwischen auch nicht mehr in der Lage, bei so banalen (und eigentlich entspannenden) Dingen wie Freizeitsport abzuschalten, da wir in allen Aspekten unseres Lebens auf Kompetitivität getrimmt werden. Selbst in der Kreisliga, beim Hobby-Badmintonspiel oder dem Kick unter Freunden werden Tore, Punkte, Siege gezählt und wird der Verlierer mit Hohn und Spott bedacht. Das wiederum führt eben auch hier zu Leistungsdruck und SIegeswillen – was sich nicht mit Entspannung und Abschalten verträgt.

Man könnte vieles Weiteres anführen, er sprach nämlich auch noch vom 12jährigen Mädchen, das sich bereits professionell schminken und kleiden möchte, um nicht ausgegrenzt zu werden, politische Debatten unter Freunden, die ernster geführt werden, als zwischen den eigentlichen Protagonisten (die zudem dafür bezahlt werden) oder auch dem alltäglichen Vergleich des schönsten Urlaubs, besten Autos oder schicksten Haus. Überall steckt Wettbewerb drin, überall wird Druck aufgebaut, überall kann eine Niederlage und damit einhergehend eine Abqualifizierung der eigenen Person lauern.

Das alleine scheint schon Grund genug, ernsthafte psychische Probleme zu entwickeln, doch dann schwenkte der Doc zum eigentlichen Casus Knacksus: Im Großen und Ganzen haben wir uns an diese „alltäglichen“ Drucksituationen gewöhnt und können sie mehr oder weniger gut wegstecken. Wenn dann aber „echte“ Tragödien, einschneidende Erlebnisse besonderer Art, hinzukommen, brechen wir ein. Ausnahmesituationen wie die schwere Krankheit oder gar ein unerwarteter Verlust uns nahe stehender Menschen knabbern nicht mehr nur am Selbstwertgefühl, nein, es stellt sich gleich mal die Sinnfrage auf besonders drängende und beängstigende Art und Weise.

Nun versuchen wir aktiv, Auswege zu finden, was in der Regel mit Hilfe von Freunden, Familie und auch Ärzten nach einigen (mal mehr und mal weniger langen) Monaten funktioniert, sofern sich das Leben rasch wieder dem Alltag zuwendet und keine weiteren Tragödien lauern. Geben sich diese aber förmlich die Klinke in die Hand, ist es schon eine Kunst, nicht in eine fatale Abwärtsspirale zu gelangen. Denn irgendwann sagt nicht mehr nur der Geist „stopp“, sondern er lädt den Körper ein, ihm auf die Talfahrt zu folgen. Und spätestens dann wird es Zeit, einen professionellen Rat einzuholen. Ein guter erster Schritt ist übrigens die Telefonseelsorge, die eben nicht nur bei Suizidgedanken hilft, sondern auch generell für Ratschläge rund um das eigene Wohlbefinden bereit steht. Na, und dann sollte jeder einen verständnisvollen und offenen Arzt finden, der psychische Belastungen als das nimmt, was sie zwar längst sind, in der Gesellschaft aber noch lange nicht akzeptiert: Ernstzunehmende, gesundheitsgefährdende Gefühlslagen, die es psychisch und physisch zu behandeln gilt. In diesem Sinne: Schön, dass es meinen Doc gibt.

Keep on rockin‘
Ree

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