Die Lügen in der Tasche

Motivationssprüche. Sie begegnen einem in den letzten Monaten wieder allerorten, verstärkt auf den vermeintlichen Business-Netzwerken. Insbesondere LinkedIn ist hier hervorzuheben, jeder zweite Post auf meiner Timeline beinhaltet entweder einen Leadership- oder einen „Live your best life“-Spruch. Das Perfide dabei ist: Sehr oft stammen diese Postings aus der digitalen Feder von Menschen, die entweder alles andere als gute Leader sind (da habe ich mehr als genug Beispiele) oder zwar ein werthaltiges Leben erträumen, es aber nicht im Ansatz leben (auch dahingehend sind mir jede Menge Exemplare bekannt). Woran liegt das?

Reputation durch (ständige) Wiederholung

Gerade bei den Führungskräften, die im täglichen Berufsalltag weder besonders sozialkompetent, mitarbeiterfördernd oder positiv motivierend erscheinen, fallen regelmäßig Postings mit der Einstiegsphrase „Leadership is x, not y…“ auf.

Persönliche Theorie: Damit wird die eigene Unfähigkeit, den Posts gemäß zu handeln, überkompensiert. Getreu der Methodik, etwas durch permanente Wiederholung als wahr erscheinen zu lassen; ein beliebtes Stilmittel von Populisten und Selbstdarstellern. Niemand soll schließlich herausfinden, welcher Charakter wirklich hinter dem Profilbild steckt – und die eigenen Mitarbeiter:Innen werden kaum mutig genug sein, um sich einem öffentlich gezeichneten Profil entgegen zu stellen.

So wird der Mangel an positiven Eigenschaften verschleiert und konterkariert die vom Personal regelmäßig als wichtigstes Merkmal einer Führungskraft genannten Elemente der sozialen Stärke und des Einfühlungsvermögens, in Kombination mit intrinsischer Motivation, Unterstellte besser zu machen. Getreu dem Motto: Nicht, dass ich noch an Macht verliere, weil meine Getreuen mittels guter Entwicklung zu besseren, motivierteren und dadurch erfolgreicheren Mitarbeiter:innen werden. Und verlieren könnte man sie dann auch noch, gar an Wettbewerber.

Hier schließt sich ein trauriger Kreis, denn wenig gefördertes und stets übergangenes Personal neigt zu Desinteresse am Unternehmen, schlechteren Ergebnissen oder Abwanderung – alles nicht im Sinne der Firma als Ganzes.

Lebe (d)ein bestes Leben

Die zweite Kategorie sind die immer währenden Motivationssprüche der Social Communities bei Instagram, Facebook, TikTok und so vielen weiteren Plattformen. Hier wird ja generell viel zu häufig eine Realität vorgegaukelt, die mit dem eigentlichen Leben der Protagonisten wenig bis nichts zu tun hat. Nicht umsonst schießen eigens für Instagram-Selfies dekorierte Hotels und Event-Locations wie Pilze aus dem Boden (Köln, Berlin, Ibiza…) und lassen die Besucher professionelle Fake-Bilder kreieren.

Dazu kommen dann die privaten Menschen, die aus ihrem Alltag heraus ähnliche Sprüche posten und sich damit (vermutlich) selbst motivieren möchten, etwas mehr nach dieser Maxime zu leben. Die Tage wertschätzen, das Leben lieben und jeden Moment nutzen sind selbstverständlich auch herausragende Vorhaben. Dies als Push zu verstehen, ist sinnvoll und nützlich, wenn es zu leichten Anpassungen der eigenen Verhaltensweise führt. Leider entdecke ich in meinen Timelines viel zu viele Leute, die diese Sprüche im Akkord posten und mich selbst parallel dafür kritisieren, viel zu viel unterwegs zu sein, ein unstetes Leben zu führen und nicht den in der Gesellschaft als vertretbar anerkannten Normen zu entsprechend.

Dies zieht sich übrigens durch alle Facetten des Lebens. Firmen lechzen in sozialen Medien nach neuem Personal, das vielfältig interessiert ist, mit offenen Augen durch das Leben geht und neue Sichtweisen verspricht. Aber wenn mit einem Lebenslauf gewunken wird, der ein Studium der Betriebswirtschaft, eine journalistische Ausbildung, diverse Weiterbildungen in unterschiedlichsten Bereichen (Fitnesstrainer, Projektmanagement, künstliche Intelligenz und IT…) beinhaltet, dann heißt es nicht „Wow, der wird uns völlig neue Impulse liefern“ sondern eher „der weiß wohl nicht, was er will; von dem lassen wir die Finger“. Schizophren, aber menschlich. Muss ich mit leben. Und tagtäglich versuchen, mein bestes Leben zu leben.

Wie seht ihr das, lebt ihr euer bestes Leben? Ist mein Standpunkt falsch? Schreibt mir an daniel@dsir.de mit dem Betreff „Du und Dein Leben“ 🙂

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