Diese verflixte Suche nach der Passion!

Leidenschaft. „Finde einen Job, den Du liebst, und Du wirst keinen Tag mehr arbeiten müssen.“ An wie vielen Wänden, in wie vielen Profilen findet man genau diesen Spruch und wie selten schaffen es tatsächlich Menschen, ihm auch gerecht zu werden? Ich kenne tatsächlich (neben ein paar Freunden im Profisport) nur eine Person, die genau das beherzigt und derart durchgezogen hat, dass sie mit 30 noch die entsprechende Ausbildung startete: Meine Mom. Sie liebt Kinder über alles und hat seitdem tausende in ihrem Beruf als Erzieherin beim Aufwachsen begleitet. Chapeau, es sollte mir eine Lehre sein. Doch ist es eher eine Leere. Ich suche schon so lange nach der Beschäftigung, die mich wirklich perspektivisch glücklich macht und ausfüllt, dass ich die Jahre schon kaum mehr zähle. Dummerweise kann und mache ich zum Einen unzählige Dinge gut und gern, aber konzentrierte mich nie auf ein spezielles Interessengebiet, zum Anderen habe ich mit einem Job, der mir eher weniger Spaß macht, einen erstaunlich bequemen Lebensstandard erreicht, den man gerade finanziell nicht so ohne weiteres aufgeben mag, nur um seine wahre Passion herauszufinden.

Doch parallel rennt die Lebenszeit davon und die alltägliche Zufriedenheit mit dem Sinn der eigenen Tätigkeit schwindet schleichend von Tag zu Tag, bis der Morgen kommt, an dem man es kaum mehr aus dem Bett schafft, weil sich die Monotonie nur noch schwer ertragen lässt und sich der Gedanke aufdrängt, dass dies doch noch nicht alles gewesen sein kann. Na, und dass man bei gutem gesundheitlichen Verlauf noch weitere 26 Jahre in einer solchen Tätigkeit verweilt und sich beständig mehr der Rente zusehnt, ist erst recht kein Trost – zumal, wenn man schon seit gut 23 Jahren im Arbeitsleben steckt. Da haben auch ein paar Monate Auszeit nichts gebracht. Was also tun?

Klar, eine erste Analyse ist schnell gemacht. Marktüberblick, Pro und Contra Listen, Kostenvergleiche für Aus- und Weiterbildungen, geht das nebenberuflich, wie hoch ist der Zeitaufwand, wie lange kann ich eigentlich ohne Gehalt überbrücken? Doch dann kommt eben das Problem: Was kann ich mir vorstellen, auch in fünf Jahren noch gerne zu tun und damit auch den täglichen Lebensunterhalt nebst ein wenig Altersvorsorge zu bestreiten? Kann man die Leidenschaft für Reisen, Schreiben, Fotografie, Musik und Filmen irgendwie zu Geld machen, wenn man keine entsprechende Ausbildung hat, kein Profi ist? Blogger, digitale Nomaden und Co behaupten dies fortwährend, doch werden auch sie immer mehr und haben häufig schon nach dem Studium diesen Weg eingeschlagen, wo es noch keine engen Bindungen und elementare finanziellen Verantwortungen gibt. Das Risiko ist entsprechend überschaubar und noch ziemlich viel Lebenserwartung übrig.

Zudem nimmt die Skepsis im Umfeld mit steigenden Lebensjahren zu, nicht nur von Freunden, gerade auch von den Eltern, die sich ja permanent Sorgen machen und am liebsten das 45jährige Verweilen in ein und demselben sicheren Job zur Pflicht machen würden. Diese emotionalen Stolpersteine gilt es aufzulösen, doch das ist ein komplexes Feld. Im Gegenteil, erschweren diese konservativen Ansichten kreative und freie Gedankengänge, führen zu neuen Selbstzweifeln und weniger Risikobereitschaft. Sollte es nicht eigentlich andersherum sein, sollten nicht gerade die engsten Vertrauten an Vorhaben glauben und selbst abwegigere Gedankengänge unterstützen, sofern sie einen auf den Pfad des Glücklichseins zurück führen? So oder so ist das mit der Passion so eine Sache: Welche(r) 16- oder 19-jährige kann schon von sich behaupten, dass er genau weiß, was ihn / sie ein Leben lang mit Glück erfüllt. Genau. Darum: Scheut euch auch mit 30, 40, 50, 60… nicht, solche Gedanken zuzulassen, Träume zu konstruieren, Möglichkeiten zu ergründen und euch ganz tief drinnen nach euren Sehnsüchten für die Zukunft zu befragen. Es stimmt nicht, dass es nie zu spät ist. Die Zeit der Reue ist nah, denn das Leben ist und bleibt endlich. Daher: Wagt, bevor ihr nie gewinnt. Ich gehe es an, wird die Suche auch lang 😉

Keep on rockin‘
Ree

Vom Land, das Druck erzeugt!

Siegeswille. Ich möchte euch heute etwas erzählen, was mir mein Arzt aus seinen langjährigen Erfahrungen heraus mitgegeben hat. Eine Geschichte über Druck, falsche Vorstellungen und wie wir es als Deutschland schaffen, Weltmeister in einer höchst unwürdigen Disziplin zu sein. Es geht um Depressionen und all ihre Vorstufen.

Bekanntermaßen habe ich mich, weil mein Körper streikte, sich aber keine physischen Erklärungen finden ließen, zu meinem Arzt begeben, um Gründe für diese außergewöhnlichen Erscheinungen zu finden. Nach kurzer Auflistung der mich seit etwa drei Jahren auf Trab haltenden Themen (da wären der Fund meines toten Nachbarn nach Blutsturz = Horrorfilm im echten Leben, unerwartete Scheidungssituation, schwere Erkrankungen im engsten Freundes- und Familienkreis, Verlust des Arbeitsplatzes – verbunden mit Ortswechsel) stellte er unumwunden fest, dass ich mich auf dem besten Weg Richtung Burn-Out befinden würde und dringend die Reißleine zu ziehen hätte.

Er begründete dies mit unserer Kultur, nannte es daher auch „das deutsche Problem“ und unterlegte seine Aussage mit weiteren interessanten Beobachtungen, die mir im Einzelnen alle bewusst sind, in einer Gesamtbetrachtung bisher aber eher nicht auftauchten. So erwähnte er zum Beispiel den gängigen Leistungsdruck in vielerlei Berufen, in denen Mitarbeiter, die „lediglich“ ihre vertraglich vereinbarte Arbeitszeit (z. B. 38 Stunden) ableisteten, als faul gelten. Die viel zitierte Extra-Meile sei nicht auf karriereorientierte Menschen reduziert, sondern inzwischen nahezu überall eingefordert, vom Call-Center-Agent über den Sachbearbeiter bis hin zur Führungskraft.

Darüber hinaus seien wir inzwischen auch nicht mehr in der Lage, bei so banalen (und eigentlich entspannenden) Dingen wie Freizeitsport abzuschalten, da wir in allen Aspekten unseres Lebens auf Kompetitivität getrimmt werden. Selbst in der Kreisliga, beim Hobby-Badmintonspiel oder dem Kick unter Freunden werden Tore, Punkte, Siege gezählt und wird der Verlierer mit Hohn und Spott bedacht. Das wiederum führt eben auch hier zu Leistungsdruck und SIegeswillen – was sich nicht mit Entspannung und Abschalten verträgt.

Man könnte vieles Weiteres anführen, er sprach nämlich auch noch vom 12jährigen Mädchen, das sich bereits professionell schminken und kleiden möchte, um nicht ausgegrenzt zu werden, politische Debatten unter Freunden, die ernster geführt werden, als zwischen den eigentlichen Protagonisten (die zudem dafür bezahlt werden) oder auch dem alltäglichen Vergleich des schönsten Urlaubs, besten Autos oder schicksten Haus. Überall steckt Wettbewerb drin, überall wird Druck aufgebaut, überall kann eine Niederlage und damit einhergehend eine Abqualifizierung der eigenen Person lauern.

Das alleine scheint schon Grund genug, ernsthafte psychische Probleme zu entwickeln, doch dann schwenkte der Doc zum eigentlichen Casus Knacksus: Im Großen und Ganzen haben wir uns an diese „alltäglichen“ Drucksituationen gewöhnt und können sie mehr oder weniger gut wegstecken. Wenn dann aber „echte“ Tragödien, einschneidende Erlebnisse besonderer Art, hinzukommen, brechen wir ein. Ausnahmesituationen wie die schwere Krankheit oder gar ein unerwarteter Verlust uns nahe stehender Menschen knabbern nicht mehr nur am Selbstwertgefühl, nein, es stellt sich gleich mal die Sinnfrage auf besonders drängende und beängstigende Art und Weise.

Nun versuchen wir aktiv, Auswege zu finden, was in der Regel mit Hilfe von Freunden, Familie und auch Ärzten nach einigen (mal mehr und mal weniger langen) Monaten funktioniert, sofern sich das Leben rasch wieder dem Alltag zuwendet und keine weiteren Tragödien lauern. Geben sich diese aber förmlich die Klinke in die Hand, ist es schon eine Kunst, nicht in eine fatale Abwärtsspirale zu gelangen. Denn irgendwann sagt nicht mehr nur der Geist „stopp“, sondern er lädt den Körper ein, ihm auf die Talfahrt zu folgen. Und spätestens dann wird es Zeit, einen professionellen Rat einzuholen. Ein guter erster Schritt ist übrigens die Telefonseelsorge, die eben nicht nur bei Suizidgedanken hilft, sondern auch generell für Ratschläge rund um das eigene Wohlbefinden bereit steht. Na, und dann sollte jeder einen verständnisvollen und offenen Arzt finden, der psychische Belastungen als das nimmt, was sie zwar längst sind, in der Gesellschaft aber noch lange nicht akzeptiert: Ernstzunehmende, gesundheitsgefährdende Gefühlslagen, die es psychisch und physisch zu behandeln gilt. In diesem Sinne: Schön, dass es meinen Doc gibt.

Keep on rockin‘
Ree

In der Praxis ist alles anders!

Warten. Um einen herum alle möglichen Körpergeräusche und Verhaltensweisen. Während man sich selbst möglichst unauffällig verhält, das Smartphone lautlos gestellt hat und ein wenig in den diversen News-Apps liest, nehmen sich manche ihr ureigenes Recht heraus, dieses öffentliche Wartezimmer als ihr persönliches Wohnzimmer zu erachten. Da ist das in die Jahre gekommene Pärchen, er begleitet sie, denn sie war ja gestern schon zur Untersuchung. Eigentlich ganz süß. Hätten sie nicht beide einen mörderischen Auswurfhusten, der klingt, als würde Nachbars Rottweiler kampfeslustig auf Opfer hoffen. Dass sie beim Husten die Hand vor den Mund nehmen würden, ist ganz offensichtlich zu viel verlangt. Gut, man ist ja schon beim Arzt, was sollen einem die paar Partikel also schon antun können…

Nicht uninteressant ist die Dame um die 60, die trotz eines ziemlich vollen Wartezimmers zwei Stühle für sich reklamiert, da ihre gut gefüllte Handtasche samt Bücherkollektion einen eigenen Platz benötigt. Sie scheint sich auszukennen, holt sie doch nach wenigen Minuten eine geschmierte Stulle Brot (Schinken und Käse) aus selbiger und beginnt genüsslich und leider nicht sehr leise mit dem Verzehr. Mich wundert gar nichts mehr. Dachte ich. Dass dann aber das gut zwanzigjährige Mädchen auf der gegenüberliegenden Seite lautstark irgendwelche Instagram-, Snapchat- oder YouTube-Clips schaut, erfüllt so viele Vorurteile, dass es fast konstruiert wirkt.

Ich vergesse beinahe, dass es mir eigentlich ziemlich mies geht, so negativ unterhaltsam ist die ganze Bande. Das mag ein Vorteil der Situation sein, kurzfristige Therapie durch Studium menschlichen Benehmens. Keiner, mich eingeschlossen, sagt ein Wort oder beschwert sich gar, mit Ausnahme belangloser Begrüßungs- oder Verabschiedungsfloskeln. Die meisten halten es wie ich und verharren still, bis ihr Name aufgerufen wird und sie erleichtert und blitzartig aufspringen, auf dem Weg wieder den geschwächten Gesichtsausdruck aufsetzend, schließlich ist man doch beim Arzt.

Drinnen habe ich meine Geschichte erzählen dürfen und war positiv überrascht, wie viel Zeit sich für mich genommen wurde. Die Diagnose, welche Ironie, war ziemlich deprimierend, weil ich ziemlich deprimiert bin. Will sagen, die letzten Wochen haben durch ihre Intensität all das an die Oberfläche befördert, was ich in den letzten Jahren erlebt und sukzessive vergraben, jedoch nie 100% verarbeitet haben. Gut, das ist wohl nicht unnormal, nur muss ich mich dem dann eben jetzt stellen. Das klingt anstrengend, doch wegducken ist nicht mehr.

Ich verlasse die Praxis, wie ich sie betreten habe. Ein wenig ratlos. Diesmal allerdings, weil ich nicht genau weiß, welchen der vielen Ratschläge ich zuerst angehen soll und mit etwas Sorge, weil es mir nicht so leicht fällt, Schwächen einzugestehen, wo ich doch immer stark sein möchte. Andererseits: Diese offensichtlichen Schwächen meiner Mitbürger aus dem Wartezimmer lassen mich hoffen, dass bei mir Hopfen und Malz noch nicht verloren ist.

Keep on rockin´
Ree

Was, wenn der Geist streikt?

Strebsam. Engagiert und verlässlich. Das sind Charakteristika, mit denen man mich in der Regel beschreibt. Bisher war ich stets in der Lage, nahezu jede Aufgabenstellung in kürzester Zeit zu bearbeiten und dabei beachtliche Erfolge zu erzielen. Wie von selbst, ganz ohne großes Nachdenken, ziemlich problemlos. Das hat mich ausgezeichnet, Kollegen verwundert und Freunde durchaus mal beeindruckt.

Plötzlich merke ich aber, was echter Druck ist. Wie es sich anfühlt, mental blockiert zu sein, weil etwas anderes so krass in den Vordergrund drängt, dass kaum ein alternativer Gedanke durchzudringen vermag. Wie Optionen auf das Tableau kommen, die ich so früh nicht erwartet hatte, von raschem Ortswechsel über erneuter Auszeit hin zu völligem Bruch mit der bisherigen beruflichen Pseudosicherheit hin zur Umsetzung lang gehegter Vorstellungen. Aber was ist mit dem Geld? Was sagt Papa? Und wie sieht es dann im Alter aus?

Aber wer sagt, dass es ein bestimmtes Alter gibt? Wer kann mir garantieren, dass ich es nicht bereuen werde, noch etwas mehr gewagt zu haben, als jetzt schon? Und wie passt das damit zusammen, dass ich vom Fleck weg zu meinem alten Arbeitgeber in Bonn zurück kehren würde, weil mir dieses Unternehmen mit seiner Kultur und seinen Mitarbeitern wirklich fehlt? Kurios, schräg, verdreht. Zumal ich noch zwei Jahre gesperrt bin.

Vielleicht aber ist das die Lösung?? Bis 2021 aussteigen und dann eine Rückkehr zu meinem Herzensarbeitgeber anstreben?! Und wenn sie mich dann nicht wollen? Fürwahr, der Kopf treibt seine Spielchen mit mir. Doch am Wichtigsten bleibt, Mama bestmöglich bei ihrer Herausforderung zu unterstützen. Was auch immer der Geist dazu sagt.

Keep on rockin‘

Ree

Echte Wendepunkte lauern (nicht) überall.

Zweifelnd. Immer mehr Menschen, denen ich alltäglich begegne, sind in Gedanken gefangen, die sich um Sinn und Unsinn, Richtig und Falsch des eigenen Handelns, des täglichen Daseins, der Entwicklung ihres Lebens befinden. Bin ich im richtigen Job? Verhalte ich mich meinen Mitmenschen gegenüber angemessen? Schlage ich die richtigen Wege ein, wird mein Leben rückblickend als erfüllend anzusehen sein? Der Jahreswechsel ist geradezu prädestiniert, um über Vergangenes zu reflektieren und Neues in Augenschein zu nehmen. Kaum jemand, der nicht insgeheim irgendeinen Vorsatz fasst und damit eingesteht, eben nicht vollends zufriedenstellend zu leben. Doch ist dies aus meiner Sicht eher der Gruppendynamik geschuldet, der Tatsache, dass Medien, Freunde, Influencer und wer sonst noch alles genau danach fragen: Wie war Dein letztes Jahr, wie wird Dein nächstes.

Was aber, wenn Du eigentlich glücklich bist? Wenn so, wie Du lebst, nichts gravierendes schief geht und der Alltag gut zu bewältigen ist? Warum streben dennoch so viele nach Veränderung, nach mehr oder fühlen zumindest eine irgendwie geartete Unruhe in sich? Vielleicht würde es helfen, nicht nur an diesen paar Tagen von altem zu neuem Jahr darüber nachzudenken, sondern immer mal wieder die eigene Situation zu analysieren, um Kleinigkeiten zu justieren oder auch große Veränderungen in Ruhe anzugehen. Das nimmt dem Jahresende seinen Aktionismus.

Hat sich aber der Dezember derart turbulent entwickelt, sind so viele außerplanmäßige Dinge geschehen, die nicht in Deiner Macht lagen, Dein Leben aber irgendwie erschüttern, dann, ja dann, ist die Selbstanalyse zum Jahresende nicht nur unumgänglich, sondern auch nötig. Was bringen die Veränderungen mit sich und wie möchtest Du darauf reagieren? Welche neuen Erkenntnisse über Dich und auch andere bringen sie mit sich? Und wie lässt es sich mit Deinem Dasein vereinbaren, wie kannst Du auf die neue Situation reagieren, wie zu Deinem persönlichen Wohlsein agieren?

Ich stehe vor diesen Fragen, andere mir nahe stehende Personen genauso. Der Alltag ist in solchen Situationen mal Halt und mal Last, Veränderung zwingt sich förmlich auf. Nur wie, wenn Kontakte fehlen, Zeit davon schleicht und Unsicherheit vorherrscht? Das Gehirn kreist um das Thema, rotiert fast, kommt aber nicht zu einer klaren Aussage. Das wird wohl noch eine ganze Zeit dauern. Und kann sich jeden Tag ändern, je nach aktueller Entwicklung.

Ich hoffe, ihr kamt gut in das neue Jahr.

Keep on rockin‘
Ree

Von der Idiotie der Welt!

Hetze. Von links wird geschrien, von rechts wird gehetzt und in der Mitte verliert man das Gefühl für Richtig und Falsch. Die Einflussreichen machen mit, beziehen Stellung und verlieren sich in Aussagen voller Schuldzuweisungen, Selbstschutz und Eindimensionalität. Ich finde dieses Bild sehr anschaulich. Meine Sorge dreht sich allerdings eher um die Frage, wie man genau jene Menschen erreicht, die sich in Ängsten wähnen, radikalisieren lassen oder mangels Vertrauen in alte Gesichter irgendwas anderes wählen oder irgendwen vertreiben wollen, weil ihnen das vielleicht vermeintliche Sicherheit verspricht (wovor auch immer).

Will sagen, wir teilen Beiträge, die unseren eigenen Idealen entsprechen immer in unserem persönlichen emotional-sozialen Kreis, in sozialen Netzwerken, Zeitungen oder dem Bekanntenkreis und erfreuen uns daran, den vermeintlich richtigen Pfad vorzugeben. Dummerweise (oder eben verständlicherweise) sehen das andersdenkende Personen allerdings ebenso. Sie bewegen sich in ihrem eigenen sozialen Umfeld und erfahren ähnliche Bestätigung beim Teilen völlig gegenteiliger Beiträge.

Uns ist die Mischung abhanden gekommen, dieses miteinander statt übereinander Reden. Der Diskurs ist dem Geschrei gewichen, Argumente werden nicht mehr ausgetauscht, um einen Kompromiss zu finden, sondern schier ausgespuckt, um sie dem Gegenüber wie einen verbalen Faustschlag ins Gesicht zu schlagen. Selbst mir fällt es oft schwer, den Fokus zu verändern und mich in die Lage der protestierenden Mitmenschen zu versetzen, denn ich teile viele ihrer Probleme nicht. Geld, Arbeit, Freunde, Urlaub, Luxus, ausländische Freunde, alles mehr oder minder vorhanden. Wie kann ich es mir daher erlauben, vorzugeben, was meine weniger gut gestellten oder anders sozialisierten Nachbarn zu akzeptieren haben?

Was mir bleibt ist die Hoffnung, irgendwie wieder die ethische Fragestellung in den Vordergrund rücken zu können, die Tatsache, dass wir als Menschen eine Einheit bilden, nicht als Nationen. Viele Herausforderungen sind moralisch fraglos tragbar, aber es wurde versäumt, hier einen nachvollziehbaren Weg aufzuzeigen. Zumal die Historie der Welt von Durchmischung, Kriegen und Flucht geprägt ist und eine stabile Kooperation mit anderen Ländern im Vorfeld vieles hätte abmildern können. Dummerweise herrschen in Politik und Führungskreisen die polternden Gestalten vor und verhindern durch ihre ermüdenden gegenseitigen Schuldzuweisungen jeglichen konstruktiven Diskurs. Eine Flüchtlingskrise, die längst keine mehr ist, verdrängt so viele wichtigere Themen (Digitalisierung, Bildung, Umwelt…), weil Populisten auf allen Seiten die Spaltung zum Machtaufbau nutzen.

Es ist an der Zeit, aufeinander zuzugehen, Gespräche zu suchen und die wahren Gründe für Pauschalisierungen und Proteste zu ergründen. Es ist an der Zeit, soziale Spaltungen umzukehren und Perspektiven aufzuzeigen. Es ist an der Zeit, wieder Politik für die Menschen zu machen, nicht gegen bestimmte Gruppierungen. Ich weiß nur nicht, ob mich genug hören, damit ein globaler Ruck durch genug von uns geht. Denn am Ende wollen wir doch alle nur ein schönes und entspanntes Leben haben. Es ist kurz genug…

Keep on rockin‘

Ree

Vom ewigen Kind!

Kindheitsträume. Was, wenn es Dir nicht gelingt, von ihnen abzulassen. Wenn Du zwar älter wirst, aber Dir das, was Du unter Erwachsen sein vorgestellt hast, weiterhin fremd vorkommt. Wenn Dir Dinge wie sesshaft werden, für das Alter vorsorgen und Routine reinbringen nicht geheuer sind? Versteh mich nicht falsch, ich meine damit kein völliges Verbarrikadieren vor den Anforderungen, die das Leben mit fortlaufender Dauer an einen stellt. Natürlich kannst Du gut in Deinem Job sein, obwohl er nicht Deinen Lebensträumen entspricht. Klar ist ein gewisses Engagement möglich, obwohl Du Dich häufig genug in eine andere Realität träumst. Doch ändert das eben nichts daran, dass sich Dir einfach viele Pfade nicht so recht erschließen, die Deine Altersgenossen längst beschritten haben. Vielleicht hast Du sogar versucht, ihnen zu folgen, es ihnen gleich zu tun und all das zu versuchen, was „die Erwachsenen“, „die Anderen“ von Dir erwarten. Und bist möglicherweise krachend gescheitert, denn es war nicht Dein Weg. Deinen suchst Du, verzweifelt, jeden Tag aufs Neue. Mal wirklich intensiv, dann wieder nur unterbewusst, in Sekundenbruchteilen, in denen ein Gedanke kurz aufblitzt, eine sehr alte Erinnerung den Alltag in Frage stellt. In der Regel vergehen diese Momente rasch, doch dann und wann lähmen sie Dich über einen längeren Zeitraum und Du schweifst immer wieder in sie ab. Du fragst Dich, woher Du kommst und wohin das führen soll. Und selten, dann aber höchst intensiv, fragst Du Dich, wie es wohl ist, wenn Du alt bist. So richtig, so unbeweglich alt. So Du diese Lebensphase denn erreichst. Und Dir gefällt die Antwort nicht.

Aber kann man etwas erzwingen, was nicht in einem steckt? Kann man etwas versuchen, das zu wagen man sich nicht bereit fühlt? Kann es im Leben Dinge geben, deren Erfüllung man nicht für möglich hält? Wie viel muss man als Kind geträumt haben, um nicht Erwachsen werden zu wollen? Und ist man es mit jedem kleinen Schritt vielleicht doch geworden, ohne es selbst wahrzunehmen? Dem Vergleich mit der „Jugend von heute“ hält zumindest kaum jemand über 35 Stand. Zu groß ist die Distanz, zu tief der innere Drang junger Menschen, sich von der älteren Generation abzugrenzen. Da kann man dann vielleicht noch der „coole Onkel Charlie“ sein, aber ist längst nicht mehr auf Augenhöhe. Ist man also einfach nur eine neue Generation erwachsener Menschen, indem man sich selbst von den Prinzipien, Ansichten und Werten der vorherigen Generation entfernt hat? Vielen bedeutet Freiheit mehr als Sicherheit, Freizeit mehr als Karriere und Erlebnisse mehr als Geld. Auch wenn das Eine durchaus manchmal das Andere bedingt.

So bleiben wir alle ein wenig Kind, mal mehr und mal weniger. Für die, denen das Loslassen erheblich schwerer fällt, die den Übergang von der jugendlichen in die erwachsene Phase nicht stolperfrei auf die Reihe bekommen, folgt möglicherweise ein böses Erwachen. Vielleicht fehlt dann irgendwann etwas, vielleicht kommt Reue auf. Eventuell schlittert man aber auch einfach nur durch die zweite Arbeitsphase und kommt unbeschadet in der Rente an, im Kopf noch immer gefangen zwischen Kindheitsträumen und jugendlichen Versäumnissen. Ob das gut oder schlecht wäre, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber es beschäftigt mich. Sehr sogar. Und euch?

Keep on rockin´
Ree