Die Wahl zu haben heißt nicht, dass man die Kontrolle hat!

Jobwechsel. Mal etwas Neues sehen, etwas Anderes wagen, die Routine aufbrechen und den Blickwinkel verändern. Vielleicht auch einfach einen weiteren Karriereschritt unternehmen oder nach mehr Geld streben. Es gibt viele Gründe, um sich nach Alternativen umzuschauen und wenn man sich einen gewissen Status erarbeitet hat, wird auch das ein oder andere Angebot entstehen. Doch ist es immer sinnvoll, aus dem sicheren Hafen heraus zu segeln und die Perspektive zu wechseln? Kann es nicht auch mal schön sein, morgens bereits zu wissen, welche Anforderungen über den Tag hinweg zu bewältigen sind und Gewissheit zu haben, diesen auch gewachsen zu sein? Nicht jede Woche muss mit neuen Herausforderungen aufwarten, nicht immer ist die Extrameile das Mittel der Wahl. Der Druck, den wir uns durch Veränderungen auferlegen, nämlich seinen vormaligen Status zu bestätigen, neue Kolleg(inn)en von sich überzeugen und mit Leistung glänzen, kann uns auch einknicken lassen. Und dann haben wir gar nichts gekonnt, sondern hängen womöglich in einer Spirale fest, in welcher wir den altbekannten Arbeitgeber mit all seinen positiven Faktoren vermissen – die negativen werden dabei natürlich vom Gehirn ausgeblendet. Also, selbst wenn ein Jobwechsel attraktiv erscheint: Nach bereits zwei Fehlentscheidungen diesbezüglich empfehle ich euch, nicht nur eine Nacht, sondern eher einen ganzen Monat darüber zu schlafen.

Therapievarianten. Es gibt so viele Ansätze und Meinungen, wenn es um physische oder psychische Verletzungen geht, dass man rasch den Durchblick verliert. So können muskuläre Beschwerden, eingeklemmte Nerven oder ähnliches mit Wärme, Kälte, Elektronik, Massagen etc. behandelt oder die Psyche über Verhaltenstherapie, Psychoanalyse und vieles mehr geheilt werden. Und steckt man in einer der oben skizzierten Drucksituationen, kann sogar beides, muskuläre und psychische Beschwerden, dadurch ausgelöst werden. Dummerweise lassen Ärzte uns häufig selbst entscheiden, was wir für die bessere Behandlungsmethode halten. Als hätte ich diesen Studienzweig beschritten, nicht die vor mir sitzende Heilkraft. Da Massagen nichts gebracht haben, genauso Elektronik und Wärme, bat ich um eine Spritze. Pustekuchen, es gab Muskelrelaxan. Warum fragt sie dann? Möglicherweise hilft es, vor jedwedem Praxisbesuch mal einen Ratgeber zu den Beschwerden zu lesen. Nur nicht über google, in 90% der Fälle führt gemäß der Top-Suchergebnisse des Onlinegiganten jedes Zipperlein unmittelbar ins Verderben. Das gute, alte Medizinlexikon reicht da wohl völlig…

Wohnort. Das Heimatthema hatten wir ja gerade erst, aber auch ein Wohnortwechsel ohne emotionale Zerrissenheit kann anstrengend sein. Auch wenn ein neues Umfeld belebend und erfrischend sein kann, so sorgt es doch für vielerlei beängstigende Momente. Die Herausforderung, auf sich allein gestellt zu sein, sich zurechtfinden und neue Lieblingsplätze finden zu müssen, falsche Gegenden zu meiden und mit den Einheimischen Kontakte zu knüpfen, ist gerade für introvertierte Zeitgenossen nicht einfach. Gehört man dann noch zu einer Altersklasse jenseits der 35, fallen auch viele Freizeitaktivitäten aus, bei denen vormals quasi spielend neue Bekanntschaften entstanden sind: Sport, Discobesuche, Partygänge. Und selbst, wenn man die Stadt nicht allein gewechselt hat, entstehen kriselnde Situationen, denen man sich zuvor nicht ausgesetzt sah. Es kann belastend sein, nur eine wirkliche Vertrauensperson in der näheren Umgebung zu haben, denn kleinere Reibungspunkte sind völlig normal; doch ist es fatal, wenn dann kein bester Freund oder keine beste Freundin zu einem spontanen Treffen vor Ort ist. Das Telefon kann das nur bedingt ersetzen und so beginnt manchmal eine schleichende Entfremdung, die tragisch enden kann. Wenn der neue Wohnort gewisse Attraktivitätsfaktoren wie eine hübsche Innenstadt oder einen hohen Freizeitwert besitzt, hilft das aber häufig bereits. Dennoch bleibt, ein Wohnortwechsel ist ein elementarer Eingriff in die persönliche Komfortzone.

Beziehungen. Oft schon habe ich von Singles gehört, dass sie sich nach der Zweisamkeit sehnen, ebenso aber auch mit Paaren gesprochen, die ihren Freiraum vermissen und immer mal wieder darüber nachdenken, einfach auszubrechen – nur um sich, so sie es tatsächlich vollzogen haben, später dann doch wieder nach Geborgenheit zu sehnen. Ist das Gras in Nachbars Garten wirklich immer grüner oder kommt es einem, gefangen im persönlichen Alltag, nur grüner vor? Warum will man so oft genau das haben, was gerade unerreichbar scheint und sehnt sich nach Vergangenem zurück, wenn man es erreicht hat? Macht es nicht viel mehr Sinn, einfach mal glücklich im Hier und Jetzt zu verweilen, die Gegenwart zu genießen und auf das Universum zu vertrauen. Veränderungen geschehen trotzdem, erfahrungsgemäß schleichend, und sie können genauso zu großen Umwälzungen führen, wie der Big Bang – nur eben nicht so plötzlich, nicht so dramatisch. Ich bin ja auch nicht von heute auf morgen 20kg schwerer geworden und genauso wenig werde ich die wieder los, wenn ich heute wie ein Irrer trainiere. Das muss in kleinen, nachhaltigen und wohl geplanten Schritten verlaufen. Also keine Hektik, Nachbars Gras ist nicht grüner. Es ist nur Dein Verlangen, diesen Rasen zu besitzen. Doch wenn Du ihn dann hast, lässt seine Attraktivität rasant nach.

Urlaub. Reist Du auch mal allein? Oder macht Dir das eher Angst? Willst Du Erlebnisse unmittelbar teilen, oder kannst Du sie kompensieren und bist bereit, sie den Daheimgebliebenen nach Deiner Rückkehr zu erzählen? Ein wenig hängt es vermutlich sogar von Deinem Geschlecht ab, müssen Frauen doch vermeintlich größeren Gefahren ausweichen, als Männer. Doch auch für mich (Mann) verursachte alleine zu verreisen zunächst ein unangenehmes Gefühl. Ich war dreimal ohne Begleitung weg und die ersten beiden Tage waren immer zittrig, verwirrend und unschön. Kurzum, ich wollte direkt wieder zurück fliegen. Glücklicherweise bin ich geblieben, denn die Erfahrungen ab Tag drei sind sehr wertvoll gewesen. Nicht nur habe ich auf einer Reise ein Kinderbuch geschrieben und auf einer anderen viel Sport getrieben. Nein, ich habe mir intensiver Gedanken über mein Leben gemacht, als jemals zuvor und konnte Antworten auf lange gehegte Fragen finden. Das hat mich nicht nachhaltig glücklicher gemacht, diese Illusion will ich Dir nehmen, aber in den jeweiligen Momenten habe ich mich anders, stärker gefühlt. Ich habe auf jeden Fall vor, in diesem Jahr nochmal eine Woche mit mir selbst zu verbringen und kann es Dir nur wärmstens empfehlen. Aber natürlich sind gemeinsame Reisen ein ganz besonderes Vergnügen. Egal, ob mit dem Partner, besten Freunden oder den Eltern: Jede Konstellation hat eigene Reize und manchmal sieht man sogar den immer gleichen Urlaubsort mit völlig anderen Augen.

So gibt es also viele Situationen, in denen man die Wahl hat. Aber kann man alles kontrollieren? Niemals. Du hast die Wahl, links oder rechts abzubiegen, aber welche Route die Schönere ist, weißt Du vorher oft nicht. Du kannst es nur ausprobieren und wirst vielleicht nie erfahren, was Dich auf dem anderen Weg erwartet hätte. Also mach das Beste aus der Route, die Du tagtäglich für Dich selbst wählst. Für heute ist es nämlich die einzige, erst morgen kannst Du einen alternativen Pfad versuchen.

Keep on rockin‘
Ree

Von der Freundschaft! (012/222)

Einsamkeit. In Maßen genossen, kann sie durchaus als Mittel zur Ideenfindung und Steigerung der Kreativität dienen, doch als Überdosis birgt sie in der Regel die Gefahr zunehmender Verzweiflung, Sinnentleerung und fruchtloser Vegetation durch das eigene, unerfüllte Dasein. Sicherlich kann man sich Abwechslung suchen, über Internetforen, TV-Berieselung oder fesselnde Bücher. Auch eine Flucht in Alkohol, Drogen oder übermäßiges Essen sind möglich. Und für manche wird durch das permanente Alleinsein gar Sport zur Sucht, die Hantel zum Kameraden und der eigene Körper zum engsten Vertrauten.

Nichts davon führt aber zu der wahren Befriedigung, die der Austausch mit liebgewonnenen Menschen birgt, die eigene Interessen teilen, Hirngespinste auszuarbeiten helfen und im Notfall auch Flausen aus dem Kopf vertreiben. Mit denen die berühmten Pferde gestohlen werden können und die auch in wahrhaft schweren Zeiten ohne blöde Fragen zu einem stehen. Die Menschen eben, bei denen auch Geld die Freundschaft nicht verderben kann – denn bei echten, seelenverwandten Konstellationen spielen Besitztümer keine, wirklich überhaupt keine, Rolle. Nicht mal untergeordnet. Deshalb hat man auch so wenige echte Freunde, deshalb tritt oftmals die Mär vom „wahre Freunde erkennt man erst in harten Zeiten“ auf. Aber die Freundschaften, die in diese Kategorie fallen, sind ein wesentlicher Sinn des Lebens.

Sie führen zu gegenseitiger Befruchtung, neuen Ideen,weltverändernden Erkenntnissen und der idealen persönlichen Entwicklung. Sie sind es nicht, die in die Radikalität und Ausgrenzung führen, Agressionen gegen Schwächere entwickeln und bösen Worten schlimmere Taten folgen lassen. Das sind keine Freundschaften, das sind selbsterfüllende Zweckgemeinschaften, um das eigene unterentwickelte Ego durch Machtspiele aufzubauen – egal, ob Dritte darunter zu leiden haben. Diese Art von Kooperationen sind verdorben und sinnlos, aber das werden die in ihnen gefangenen Menschen leider nicht erkennen – viel zu beeinflussbar und machtbesessen sind sie dafür.

Daher zurück zur guten, zur fruchtbaren Variante. Wer einen wahren Freund gefunden hat, kann sich wirklich glücklich schätzen. Dazu gehört aber ein Geben und Nehmen, denn so etwas will gepflegt werden. Auch, wenn oft zu hören ist, dass man sich ja jederzeit anrufen könnte und es dann ist, als sei es gestern erst gewesen, hat diese Freundschaft sicherlich eine tiefgreifende Vorgeschichte. Sonst gäbe es diese beidseitige Gefühlsebene nämlich nicht. Und selbst bei diesen Freundschaften fehlt natürlich das Alltägliche, was immer weiter wachsendes Vertrauen entstehen und Leben gemeinsam entwickeln lässt. Die wenigen Freunde, die ich momentan mehr oder minder regelmäßig sehe oder spreche, vier an der Zahl, geben mir mehr, als ich aktuell in Worte zu fassen in der Lage bin. Neben meinen Eltern, die natürlich außer Konkurrenz stehen, sind es diese Menschen, die mir den täglichen Grund zum Aufstehen liefern.

Ich ziehe mich gerne zurück, bin in meinem Schneckenhaus oder verkrieche mich ins Ausland. Doch wenn sie rufen, wenn die Zeit es zulässt, absolut regelmäßig, gibt es gemeinsame Unternehmungen und tiefgreifende Zukunftsplanungen. Egal, was mit dem Haus, dem Job, dem Leben an sich passieren wird, ich bin überzeugt, sie werden da sein, so wie ich mich bemühe, immer für sie da zu sein. Das gibt ein gutes, ein zuversichtliches Gefühl und holt mich in den zuletzt gehäuft frustrierenden Momenten auf den Boden zurück, zeigt den Weg zum Licht und spendet Trost. Und das ist mehr, als ich mich je zu wünschen gewagt habe. Danke dafür.

Keep on rockin´

Ree

Und plötzlich einfach fort!

Lebensende. Auch wenn es uns alle ereilt, früher oder später, und wir uns theoretisch jederzeit darauf vorbereiten könnten, scheint es doch selbst bei geliebten Menschen in gehobenem Alter irgendwie überraschend, dass derjenige nicht unsterblich gewesen ist. Erinnert man sich doch noch an die eigenen, nicht allzu lange zurückliegenden Worte über die Zähigkeit, den unerschütterlichen Atem, die Vermutung, dass die Hundert locker zu überschreiten sind. Gerade wenn es sich um ein so zartes Persönchen wie meine Oma handelte, die trotz ihrer nachteiligen Physis erstaunlich vielen Rückschlägen getrotzt hatte, war man geneigt zu denken, dass sie nichts in die Knie zwingen könnte.

Welch fataler Irrtum, wie mir heute früh die Kurznachricht meiner Mama, mit dem unverblümten Inhalt „Oma ist gestorben“, in all ihrer Gnadenlosigkeit mitteilte. Nicht sanft eingeschlafen, leider, sondern durch eine fatale Fehlentscheidung der Ärzte aus dem Leben gerissen worden, die sie gestern trotz heute posthum diagnostizierter Lungenentzündung und gegen den Widerstand der Familie nach Hause geschickt haben. Ich bin unfassbar sauer darüber, da es somit vermeintlich vermeidbar war, doch wird das nun Teil von Ermittlungen, die der heutige Arzt eingeleitet hat und soll(te) eigentlich nicht Bestandteil dieses Blogeintrags werden. Ok, der Frust hat gesiegt.

Doch es geht darum, einem Menschen zu gedenken, dessen Selbstlosigkeit mehr als bemerkenswert war, ein paar Worte zu verlieren, auch um meine Erinnerung zu konservieren. Vielleicht der für mich persönlichste Beitrag, möglicherweise für keinen anderen Leser irgendwie von Bedeutung. Doch bin ich zu einem großen Teil bei meiner Oma aufgewachsen, habe viele Stunden und Tage an Wochenende und in den Ferien mit ihr verbracht, habe mir unzählige Benjamin-Blümchen-Kassetten kaufen lassen und gelacht, so unfassbar viel gelacht.

Es war mir eigentlich immer unbegreiflich, wie sie es stets fertiggebracht hat, mit dem wenigen Geld, den vielen (Enkel-)Kindern so viele Herzenswünsche zu erfüllen und Augen zum Glänzen zu bringen. Wie sie fried- und freudvolle Weihnachtsfeste veranstalten und sich wie ein Kesselflicker streiten konnte – vorzugsweise mit ihrem leider viel zu früh verstorbenen Mann, meinem Opa. Geldnot, ein vorherrschendes Thema in Kindertagen, wurde von ihr mit dem letzten Pfennig gelöst, so dass man sich nur wundern konnte, wie sie sich überhaupt die letzten Lebensmittel hat leisten können; doch dann kommt wieder die Erinnerung, an die vielen im Stillen verrichteten Arbeiten bis ins hohe Alter, beispielsweise vom frühmorgendlichen Putzen eines großen Supermarkts.

Sie wurde in eine Zeit geboren, die wir uns alle heute nicht mehr vorstellen können (manchen rechtsgedrehten Hohlbratzen täte ein Flashback allerdings mal recht gut) und die bedrohlicher und beschwerlicher gewesen sein dürfte, als alles, was um uns herum aktuell passiert. 1930 entbunden, während des Krieges per Landverschickung in vermeintliche Sicherheit gebracht, durfte sie nach 1945 in eine völlig zerstörte Heimatstadt zurückkehren. Die Nazis hatten Deutschland zugrunde gerichtet und sie zeitlebens zu einer Verfechterin von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit gemacht. Etwas Gutes im Schlechten. Vielleicht kam daher auch ihre Geradlinigkeit, die durchaus schon mal in wenig charmanten Konfrontationen enden konnte.

Mit 21 dann ist sie erstmalig Mutter geworden, normal in der damaligen Zeit, und ab diesem Moment zählte nur noch die Familie, für die sich aufgeopfert und als Gastwirtin (im legendären Bickefelder Tor) bis spät in die Nacht malocht wurde. Vier Jungs hat sie groß und stattlich erzogen, auch wenn es Rückschläge gab, doch alle schenkten sie ihr Enkel, reichlich in Summe, so dass es auch später nicht langweilig (aber auch finanziell nicht besser) wurde. Urlaube waren nicht drin, aber Dortmund war stets Wohlfühlort und Heimat zugleich. Die Wohnung mit kleinem Garten entpuppte sich insbesondere in den 80er und 90er Jahren zu einem Treffpunkt voller Kinderlachen und Erwachsenengespräche.

In den vergangenen Jahren wurde das dann seltener, die Kinder wurden groß, verteilten sich und der Umzug in eine neue Wohnung sorgte aus unerfindlichen Gründen dafür, dass die Besuche nachließen und das Heimatgefühl verschwand. Oma hatte immer Verständnis, dafür, dass alle ihrer Wege gingen, ihr eigenes Leben gestalteten und nur selten von sich hören ließen, doch bin ich sicher, im Stillen hat sie es schon bedauert. Mit den Jahren (und schwindendem Gehör) zog sie sich auch aus Gesprächen mehr und mehr zurück und obwohl sie immer noch Freude auszustrahlen wusste, nahm sie einen passiveren Part ein, den man so von ihr nicht kannte.

Hatte man kurz vorher noch nach 90 Minuten am Telefon krampfhaft nach einem Ausweg zum Auflegen gesucht, war es nun schwierig, sie zu mehr als zwei Minuten am Hörer zu bewegen. Das war schade, aber auch selbst verursacht. Warum sind wir so unregelmäßig erschienen, warum habe allein ich sie nur maximal fünfmal in den letzen drei Jahren gesehen? Das bleibt für mich ein Schandfleck, der nicht zu bereinigen ist. Ich hatte stets das Gefühl, durch meine Mama an ihrem Leben teilzuhaben, weil sie mehrfach wöchentlich dort war und alles berichtete – aber das ersetzt keine persönliche Begegnung, das weiß ich jetzt und wusste es immer. Nur habe ich es nicht in Energie umgesetzt und schäme mich dafür; vor mir selbst, niemandem sonst.

Doch bleiben werden die Erinnerungen an den wichtigsten Menschen neben meinen Eltern. An Übernachtungsparties in einem Zelt aus Bettdecken. Spaziergänge durch Hördes Straßen. Diskussionen über die Marotten der Nachbarn. Und so unfassbar vieles mehr. Fehlen wird sie mir, sehr, auch wenn es zu meinem Bedauern zuletzt vordergründig eher das Wissen war, dass in der fernen Heimat diese stets vertraute Person lebt und auf ein erfülltes Leben zurück blickt. Aus jedem Urlaub habe ich ihr eine Karte geschickt, nur ihr und meinen Eltern. Es wird seltsam sein, demnächst nur noch eine zu verschicken.

Was bleibt, ist Gewissheit. Darüber, dass mein Verhältnis zu meinen Eltern, so bizarr es manch einem wegen seiner Enge erscheinen mag, genau richtig für mich ist. Die innere Sicherheit, dass ich niemals eine Partnerschaft haben möchte, die in Konkurrenz zu dieser Verbindung steht; nein, wenn ich mich nochmal binden sollte, möchte ich, dass das in einem tiefen Verständnis darüber wurzelt, dass mir meine engste Familie über alles geht – man kann Teil davon werden und ich war fest davon überzeugt, dass dies in den vergangenen Jahren beidseitig erfolgt war, möglicherweise zu unrecht. Doch bin ich frohen Mutes, dass, sollte es sich für mich irgendwann mal wieder dahin entwickeln, jemand, der sich für mich entscheidet, auch meine Eltern ins Herz schließen würde. Denn ohne sie wäre ich nicht(s), ich verdanke ihnen alles und werde das in der uns gegebenen Zeit bewahren. „Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.“ – Augustinus Aurelius. Ich möchte hinzufügen: „Bis ins hohe Alter!“. Oma, rock den Himmel und geh dem Opa mal wieder richtig auf den Keks. Wir sehen uns … irgendwann!

Keep on rockin´
Ree

Oma_Ree

Sometimes it hurts instead!

Ambivalent. Es bewegt sich etwas, in der Regel geht´s dann vorwärts und normalerweise sollte man sich doch darüber freuen. Warum tue ich es dann momentan nicht? Die Woche ist sehr anstrengend, emotionale Aufs und Abs prägen die Stunden, doch wiegen sie eigentlich nicht schwerer als das, was ich in den Monaten zuvor erleben musste. Die Zeit soll Wunden heilen und oft fühlt es sich auch entsprechend an, aber immer, jeden Tag, gibt es diese fiesen Momente, in denen alle Zweifel hochkommen und für jene Sprunghaftigkeit, jene Verzweiflung sorgen, die meinem Umfeld so oft auf den Keks gehen.

Ich habe mich bekanntermaßen beruflich entschieden, ich bin darüber auch erleichtert, oftmals gar erfreut, doch blitzen auch immer wieder diese unsicheren Zukunftsaussichten auf, die Frage, ob ich Abenteuern überhaupt gewachsen bin. Nun rückt die offizielle Verkündung näher und mir schlottern die Knie. Normal, werden die Meisten sagen. Schwer zu ertragen, erwidere ich. Am Wochenende ist es aber durch, vielleicht beruhigt sich das Innere dann auch wieder.

Seltsam ist, dass ich eine wenig erwartete Zusage erhalten habe, die eine wirklich spannende Perspektive eröffnet, und ich dennoch auch dadurch nicht aus den sorgenvollen Gedanken aussteigen kann. Obwohl es etwas ist, was ich schon immer extrem spannend fand und nie eine Idee hatte, wie man den Fuß in diese Branche kriegen sollte. Ich erzähle mehr, sobald es spruchreif ist, ich also ein definitives Go inklusive Einsatzplan habe.

Nun, und dann ist da natürlich noch das Haus, welches wir aktuell ohne Makler loszuschlagen versuchen und wo es in den kommenden Tagen einige Besichtigungstermine geben wird. Das lässt eine extreme mentale Belastung erwarten, da ich mein Traumhaus anbieten muss, in dem ich eigentlich das Leben zu verbringen gedachte. Fiese Nummer. Positiv könnte allerdings sein, dass ich dieses Haus wirklich liebe und entsprechend positiv darstellen kann. Ich hoffe sehr, dass sich ein Käufer findet, der dort das Glück erleben darf, welches ich mir so sehr selbst gewünscht hatte.

Tja, tatsächlich strange. Eigentlich ein paar gute Entwicklungen, doch alles zieht mir den Boden nicht wirklich unter den Füßen weg, lässt ihn aber durchaus erheblich vibrieren. So dass ich ins Schwanken gerate und bereits getroffene Entscheidungen permanent wieder in Zweifel ziehe. Aber ich werde mich bemühen, standhaft zu bleiben und daran festzuhalten. Die Zukunft hält bestimmt einige richtig interessante und schöne Momente für mich bereit. Darauf lohnt es sich hinzuarbeiten; auch wenn der Sport in diesem Chaos mal wieder etwas zu kurz kommt.

Keep on rockin´

Ree

Unbedeutend, für die meisten! (138/366)

 Bedeutsam. Sind viele Situationen, Emotionen und Gefühlslagen für einen selbst. Große Ereignisse können sogar für eine sehr große Menge Menschen von (unterschiedlich starker) Bedeutung sein, wie eine Fußball-Weltmeisterschaft oder eine kontinentale Präsidentschaftswahl. Doch selbst bei diesen übergreifenden Events unterscheidet sich die individuelle Bedeutsamkeit doch stark; der Protagonist nimmt es deutlich emotionaler, angespannter und spürbarer wahr, als der Zuschauer, der widerum näher dran ist als der Beobachter aus der Ferne. Eigentlich ein Naturgesetz, machen wir uns diesen Umstand in der Regel jedoch zu selten bewusst.

Mir kommt dieser Gedanke aufgrund der Erlebnisse der letzten Monate, die mich emotional völlig herunter gerissen, für mich also eine extrem hohe, spürbare Bedeutung gehabt haben. Doch je weiter der Kreis der mich umgebenden Menschen gezogen wird, desto geringer wird die emotionale Anteilnahme – und das ist absolut gut und richtig so. Meine Eltern, meine besten Freunde und auch enge Arbeitskollegen haben sichtbar mit mir mit gelitten, fanden keine Worte, weil es sie selbst verständnislos zurückgelassen hatte. Andere, die „weiter weg“ waren, das meiste nur vom Hörensagen kannten oder nur winzige Augenblicke erlebt hatten, reagierten schon anders. Abfällige Kommentare, Glückskeksratschläge und (nett gemeinte, aber plumpe) Versuche, mich zu alternativer Aktivität zu bewegen, waren hier vorherrschend.

Und die, die ganz weit weg sind, reagierten eher auf die „Aha, dumm gelaufen, Leben geht weiter“-Weise, für die man nicht zugänglich ist – aber welche Reaktion hätte auch sonst kommen sollen, daher war auch diesbezüglich alles gut. Zu guter Letzt gibt es dann vermeintlich seelenverwandte Menschen, die man ewig nicht gesehen hat, aber zu denen unmittelbar, ohne Eingewöhnungsphase, ein Zugang, ein Verständnis, eine Bedeutsamkeit entsteht. Unerklärlich, aber mit die schönste Variante, birgt sie doch unmittelbar den Glauben daran, dass es auf dieser Welt doch noch jemanden aus dem „äußeren Kreis“ gibt, der mit Dir fühlt und Dich versteht. Um in den Worten eines Kreditkartenunternehmens zu sprechen: Tiefe Verbundenheit – Unbezahlbar.

Nur was, wenn man die Freunde und Familie nicht länger damit „nerven“ möchte? Wenn kein Seelenverwandter in Sicht ist? Dann ist Begreifen die Devise. Begreifen, dass das, was für einen Selbst Bedeutung hat, nicht immer zwangsläufig mit jemandem geteilt werden muss. Dass das, was Dich individuell berührt, ob schmerzhaft oder erfreuend, zuallererst Dir allein gehört. Du es aufzunehmen, damit umzugehen hast. Ja, das Leben ist eine Symbiose aus Natur, Umwelt und anderen Menschen; alles, was wir tun, beeinflusst irgendwas und irgendwen. Aber primär beeinflusst es uns selbst. Vielleicht gibt es ihn, den gesunden Egoismus, der bedingt, dass es allein zu bleiben gilt, solange man niemanden mit nahezu identischem Gedankengut und Interessensgebiet findet. Ich dachte, diesen Jemand schon gefunden zu haben, aber das war ja offensichtlich ein Trugschluss.

Es ist wichtig, den für sich richtigen Weg zu ergründen. Ziele zu definieren, Wünsche zu äußern, Ängste zu beherrschen. Das bedeutet nicht, sich blindlings ins Chaos zu stürzen, aber manchmal kann ein wenig Risiko, ein kleines Abenteuer, ein kurzer Ausbruch Richtung Ungewissheit vermutlich nicht schaden. Ich befinde mich gerade am Anfang dieses Wegs, jeder Tag ist verbunden mit innerer Zerrissenheit, weil ich eigentlich zu einem Schritt tendiere, dieser aber widerum Verluste mit sich bringen würde. Nun habe ich mir einige Unterlagen heruntergeladen, gekauft und geliehen, mit deren Hilfe man Gedanken ordnen und bündeln kann. Für mich hat das gerade eine große Bedeutung. Leider weiß ich, dass meine Entscheidung so oder so auch Andere beeinflussen wird, manche vielleicht negativ.  Nur, bewege ich mich nicht, bleibt für mein Umfeld alles gleich (also ohne negative Auswirkungen) – und ich bleibe unglücklich.

Ihr seht, mir täte eine Spur Egoismus gut, um meinem eigenen Glück nicht im Weg zu stehen, doch mein inneres Selbst, das seinen Lebenssinn grundsätzlich aus dem „glücklich machen“ Anderer zieht, steht dem im Weg. Ich glaube, ich habe noch einen langen Weg der Lösungsfindung vor mir. Es wird echt Zeit, dass das Haus verkauft wird, damit zumindest ein materieller Felsbrocken endlich aus dem Weg gerollt ist. Wenn mir etwas von den Materialien bei der Planung des Lebenswegs helfen sollte, gebe ich euch einen Hinweis darauf, wo ihr diese finden, erwerben oder ausleihen könnt. Eine erste, wegweisende, Guideline habe ich heute fotografieren können und teile sie gerne direkt mit euch. Bis dahin, bleibt für euch Selbst von Bedeutung.

  Keep on rockin´

Ree 

Von der frustrierenden Notwendigkeit! (121/366)

Notwendig. Sind manche Dinge einfach. Man kann sie ignorieren, aber dann führt das oft zu einem frustrierenden Gesamtergebnis. Lästige kleine Schritte auf dem Weg zu einem größeren Ziel, manchmal zeitraubend, dann wieder nervenaufreibend oder ganz einfach frustrierend. Es soll auch Aktivitäten geben, die Gleichmut oder sogar Spaß hervorrufen, doch subjektiv empfinde ich bei den Zwischenschritten eher Anstrengung oder Unwohlsein.

Heute musste ich mich nach der Arbeit gleich zu zwei Machenschaften zwingen, die zwar aufschiebbar gewesen wären, aber den folgenden Weg dann verzögert, erschwert und blockiert hätten. Zunächst stand Rasen mähen auf dem Programm, eigentlich eine von mir geschätzte Tätigkeit. Man ist an der frischen Luft, bewegt sich und sieht unmittelbar Ergebnisse. Eigentlich mein bevorzugtes Konstrukt einer häuslichen Aktivität. Nur war es heute eben der Rasen des zum Verkauf stehenden Traumhauses, was mich zwischen Wut, Trauer und Faszination ob der Schönheit des Anwesens mental Achterbahn fahren ließ. Zwei Stunden ging das so, dann war der riesige Garten bezwungen und ich konnte eine Zigarre genießen. Man, wie oft wünschte ich mir, dass alles wieder gut sei … und manchmal sogar, ich wäre in der Lage, die Hütte allein zu tragen, aber da fehlt leider eine sechsstellige Summe zur Vollendung (vielleicht sollte ich doch mit Lotto loslegen).

  Völlig geschafft ging es dann nach einem Zwischenstopp bei meinem besten Kumpel und meinem Adoptiv-Patenkind nach Hause, wo Zwang Nummer 2 anstand. Der Tag 3 von 90 der Fit ohne Geräte-Challenge wollte durchgezogen werden (über den zweiten habe ich nicht berichtet, da es nur Ernährungslehre war). Trotz meiner schon arg strapazierten Physis (ja, 700m2 Rasen mähen IST anstrengend) wollte ich das Programm unbedingt absolvieren. So ging es 30 Minuten auf die Matte und selbst jetzt, Stunden später, kann ich meine Arme kaum heben. Das wird ein Muskelkater. Doch obwohl mir nach dem Sport förmlich der Kopf vor Schmerzen geplatzt ist, bin ich nun stolz und zufrieden. So können auch zunächst nervige kleine Notwendigkeiten einen Glücksschub kreieren. Endorphin sei Dank. Ein paar Ibuprofen später ist auch der Kopf wieder ok, so dass es morgen planmäßig frühmorgens zu einem Tag am Meer losgehen kann. Großartig!

Keep on rockin‘

Ree

Die Mär vom Weiterziehen! (087/366)

Loslassen. Etwas oder jemanden gehen lassen, um selbst wieder vorwärts zu kommen. Nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern sich voller Tatendrang in Arbeit, Spaß und Spannung stürzen. Den Jobverlust als Chance betrachten, die letzte Beziehung hinter sich lassen, Enttäuschungen wegstecken und einen Neuanfang wagen, ohne wehmütigen Blick zurück.

So oder so ähnlich lauten Ratschläge, die im Laufe eines Lebens auf die meisten von uns einprasseln. Ich war mal wieder schlaflos, letzte Nacht, was mir häufig passiert und nicht immer angenehm ist, doch der Verstand war klarer als sonst und so konnte ich mir ein paar Gedanken machen, die ansonsten häufig unter der Oberfläche bleiben. Weil sie weh tun können.

Die Story vom Weiterziehen müssen war dabei und hat mich stundenlang beschäftigt. Warum schaffe ich es nicht, Niederlagen, Verluste, Rückschläge vernünftig zu verarbeiten? Bin ich ein Weichei, bin ich irgendwie gestört? Nicht dass ihr mich falsch versteht, ich meine nicht dieses Gefühl, nach einer wenig ideal verlaufenen Trainingseinheit zwei Tage Frust zu schieben, nein, ich schreibe von monate- und jahrelang nicht verarbeiteten Geschichten, die mal mehr, mal weniger intensiv den Tag beeinflussen, aber offensichtlich nie wirklich zum Abschluss kommen werden.

Die jüngste, nun auch schon seit Monaten schwelende Situation stellt dabei die heftigste Erfahrung meines Lebens dar, hat sie mich doch emotional schwerer getroffen, als ich mir jemals hätte ausmalen können und bestimmt nach wie vor jeden Tag meines kargen Daseins. Doch ist sie nicht allein; tagtäglich werde ich durch kleine Blitzlichter an gescheiterte berufliche Momente erinnert, kommen Beziehungsprobleme einer weit zurück liegenden Vergangenheit ans Tageslicht und werden meine Versäumnisse hinsichtlich der angestrebten Sportkarriere offenkundig.

Bin ich ein Gescheiterter? Ich soll daraus für die Zukunft lernen und diese Erfahrungen in neue Erlebnisse umwandeln, quasi das Gute aus dem Schlechten extrahieren und zur Anreicherung paradiesischer Zustände führen. Eben Weiterziehen und die Vergangenheit ruhen lassen. Nur, das gelingt mir nicht. Ich vertraue nun, seit diesem Jahr, fast gar nicht mehr, weder mir selbst, noch meinem Umfeld. Überall erwarte ich, wieder enttäuscht zu werden (und werde es möglicherweise gerade deshalb immer mal wieder). Ohne Vertrauen in sich selbst ist aber auch Vertrauen in andere und erst recht in die Zukunft nicht möglich.

Wie kommt man da raus? Rückschritt, Stillstand, Veränderung? Was ich will, kriege ich nicht (weder beruflich, noch privat), was ich kriegen kann, will ich nicht und was ich habe macht mich aktuell nicht glücklich. Ein Kreislauf, aus dem ich mich befreien sollte. Führt nur zum Beginn des Ganzen: Wie? Manchmal wünschte ich, ein kalter, seelenloser Zeitgenosse zu sein, der sich nur einmal schüttelt und die nächste Jagd beginnt. Dann wäre ich nicht mehr ich. Möglicherweise ein schlechterer Mensch. Aber vielleicht glücklicher?

Keep on rockin´
Ree