Peru: "Lima"tische Verhältnisse

Day two und Du? Habe ich schon den Jetlag erwähnt? Mächtig früh waren wir unterwegs, dick eingepackt sind wir über die uns schon aus Spanien wohlbekannte Rambla zum vom Reiseführer wärmstens empfohlenen Parque Kennedy spaziert. Einige Peruaner waren schon mit ihren Hunden unterwegs, aber prinzipiell war es im gesamten Verlauf unserer knapp 30minütigen Wanderung eher leer. Umso überraschter waren wir dann, inmitten der Parkanlage mehr als zwanzig bunt geschmückte Stände vorzufinden, vor denen bereits ein reges Gewusel vorherrschte und unzählige Stimmen einander zu übertönen suchten. Nach kurzer Recherche wurde uns klar, hier stellten verschiedene Schulen Projekte zum Thema Nachhaltigkeit vor.

Das Café Agora

Da wir ganz augenscheinlich mit die ersten Besucher waren, dazu noch eindeutig Exoten, wurden wir umgehend von allen Seiten in Beschlag genommen. Projekte wurden uns gezeigt, ihre Vorzüge in einer Mischung aus Spanisch und Englisch angepriesen und um unsere Stimmen geworben, da es schlussendlich ein Wettbewerb zwischen den Schulen war, in welchem man das persönlich beste Projekt mit seiner Stimme auszeichnen sollte. Wir entschieden uns letztendlich für „Keepers“, wo mit Mikrochips ausgestattete Abfalleimer ihren Bestimmungszweck (z. B. Plastik) ansagen und so unter anderem blinden Mitmenschen die Mülltrennung vereinfachen. Als Dank durften wir mit einem riesigen Würfel würfeln und gewannen jeder einen Cupcake und einige weitere Kleinigkeiten wie Sticker und Kugelschreiber. Darüber hinaus war uns die Dankbarkeit der Kinder, ihrer Eltern und den vielen Freunden gewiss. Wir dürften nun auf einer Menge Handyvideos verewigt sein.

Letztendlich stellte dies wirklich eine tolle Erfahrung dar, welche etwas darüber hinweg täuschte, dass der eigentliche Park deutlich weniger spektakulär war, als weithin angekündigt. Eine Statue des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy, ein paar Katzen, aber sonst eben nicht viel mehr als ein netter, doch sehr kleiner Park. Dafür war aber das Frühstück in einem anliegenden Kunstkaffee Agora Café y Arte echt stilvoll, der Avocado Toast super und der Maracujasaft sehr frisch. Es wurden kleine Kunstgegenstände und Meerschweinchen-Kuscheltiere verkauft, dazu konnte man in Büchern stöbern und sich an der stylischen Einrichtung erfreuen. Wir haben fast zwei Stunden dort relaxed und auf besseres Wetter gewartet.

Letzteres stellte sich zwar nicht wirklich ein, doch da wir uns vor der Reise mit dieser Regenjacke ausgestattet hatten, ging es immerhin halbwegs trocken und wohlgenährt zu Fuß weiter nach Barranco. Dort galt es, einen ebenfalls in diversen Quellen angepriesenen Markt aufzusuchen und auf der berühmten Seufzerbrücke einen persönlichen Wunsch zu sichern. Der Weg verlief zunächst an einer lauten, viel befahrenen und dreckigen Hauptstraße, bevor sich die Chance ergab, entlang der spanischen Botschaft, zwischen alten Kolonialvillen gelegen, zum Malecon zu wechseln. Dort kam man mit Blick auf den Pazifik weiter, was den Fußmarsch deutlich angenehmer gestaltete. Der Markt konnte unsere Erwartungen dann eher nicht erfüllen, es gab in erster Linie viel zu essen, etwas Kunsthandwerk und eine Reihe selbst gemachter Poster. Die Zielgruppe ist eindeutig der wesentlich jüngere Alternativ-Backpacker oder jemand, der sich daheim gerne alternative Kunstschnitzereien aufstellt, also empfehle ich euch einen Besuch, wenn ihr zwischen 18 und 30 Jahre alt oder absolut interessiert an kleinem Kunsthandwerk seid.

Unsereins war jedoch schnell durch, was vielleicht auch am nicht enden wollenden Nieselregen lag, und konnte sich dann alternativ an den kunstvoll verzierten Straßenzügen Barrancos und dem wuseligen Treiben der Peruaner erfreuen. Natürlich wurde auch der Plan in die Tat umgesetzt, die Seufzerbrücke mit angehaltenem Atem zu überschreiten und nun bleibt die Hoffnung, dass sich der dadurch erarbeitete Wunsch auch erfüllt. Im Anschluss ging es per Uber zurück zur Unterkunft, denn es hieß, Kraft zu sammeln für unsere anstehende Abendaktivität…

Streetart in Barranco

…nämlich die größten Wasserspiele der Welt, welche sich seit 2007 ebenfalls in Lima befinden und vor der sowieso schon eindrucksvollen Kulisse des riesigen Nationalstadions von Peru stattfinden. Täglich kann man für vier Soles Eintritt einen wunderschön angelegten Park erkunden, in dem jede Menge Fontänen spektakuläre Formen darstellen und die verschlungenen Pfade mit manchem Tunnel entsprechende Atmosphäre erzeugen. Insbesondere nach Einbruch der Dämmerung, wenn die Wasserspiele in den buntesten Farben erstrahlen, stellt sich eine kindliche Freude ein und man staunt ob der scheinbaren Bezwingung der Physik, wenn Pyramiden, Regenbögen oder Wassertunnel zu schweben scheinen. Dreimal täglich wird darüber hinaus an der größten Fontäne eine Licht – und Lasershow zu begleitender Musik dargeboten. Typisch peruanische Szenarien werden auf die Wassersäulen projiziert und ergeben so eine Art sphärisches Konzert der Extraklasse. Für alle, die einen absolut gechillten Abend mit leckeren Churros und fantastischen Fotomotiven suchen, ist dies der perfekte Ausflug in Lima. Erstmals hatte man auf dieser Reise beim Zubettgehen das Gefühl, einen ereignisreichen und schönen Tag verlebt zu haben.

Keep on rockin´
Ree

Links beinhalten sowohl Empfehlungen für Aktivitäten und Orte (unbezahlt), als auch Produktempfehlungen (Affiliates). Dabei haben wir sämtliche empfohlenen Orte besucht und Produkte selbst erworben, getestet und für gut befunden. Ansonsten würden wir es nicht empfehlen 🙂

Kleine Auszeit in der Savanne! (112/366)

Museen. Für viele der Inbegriff von langweilig, verstaubt, altertümlich und verschwendeter Zeit. Blickt man doch in der Regel in den Rückspiegel, sprich längst vergangene Tage, deren Bedeutung für die Gegenwart nicht immer ohne weiteres offenbar wird. Auch als ausgesprochener Freund von Museen kann ich mich diesem Standpunkt nicht immer verschließen, habe ich doch auch schon so manch uninteressanten Moment in einem dieser Häuser zugebracht.
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Heute jedoch nicht. Nach langer Zeit habe ich äußerst spontan eins meiner drei Bonner Lieblingsmuseen aufgesucht, das vermeintlich greifbarste, stellt es doch die verschiedenen Naturreservate der Welt nach und ist primär für Kinder und Jugendliche konzipiert: Das Museum König. Neben seiner geschichtlichen Bedeutung, wurden hier doch sowohl das Grundgesetz ausgearbeitet, als auch das Deutsche Olympische Komitee begründet, hat es seit jeher eine herausragende Bedeutung in der Darstellung der Zoologie.
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In neun verschiedenen Bereichen zeigt es mittels perfekt präparierten Tieren und ihren Lebensräumen höchst anschaulich, wie die einzelnen Arten leben und interagieren. Ganz besonders spannend ist dabei der Größenvergleich, gerade Kinder scheinen beispielsweise sehr erstaunt über die Dimension einer Vogelspinne zu sein (die im Kellergeschoss normalerweise übrigens auch lebendig zu bewundern sind, aktuell wird aber umgebaut). Sonderausstellungen sorgen darüber hinaus für Abwechslung, wenn man regelmäßiger zu Besuch kommt. Aktuell ist es eine Fotoausstellung über Wasser, sehr interessant.
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Dort begegnete ich auch einem auf dem Boden liegenden Zwerg, der mich mit „Hallo, großer weißer Mann“ begrüßte (was vermutlich am weißen Hemd lag). Ich musste herzlich lachen und habe mich ein klein wenig mit ihm unterhalten. Ihm gefällt die Ausstellung sehr. Nach einem kurzen Abstecher in das Museumsrestaurant ging es noch Richtung Arktis und danach ein wenig am Rhein spazieren.
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Bisher war das Wochenende wirklich schön, mit einem unverhofften Besuch des Wuffmaster nebst Begleitung fing es sehr schön an, eine Bouldertour powerte mich aus und neue Sneaker gab es auch noch. Abends beim Kumpel und nun im Museum. Geht echt schlechter. Mal sehen, wie sich das fortsetzen lässt. Euch noch einen schönen Sonntag.

Keep on rockin‘
Ree
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Der Verlust der Menschlichkeit! (059/366)

Menschlichkeit. Das sollte ein positiv besetzter Begriff sein. „Für mehr Menschlichkeit“ gilt als packender Slogan. Hintergedanke ist, dass der Mensch ein ethisch handelndes Wesen ist, das den Artgenossen per se wohlgesonnen ist und daher rechtschaffen und zuvorkommend agiert. In der Geschichte gibt es aber immer wieder Handlungsweisen, die als „unmenschlich“ klassifiziert werden, als „tierisch“ oder „nicht von dieser Welt“. Wenn es um Gräueltaten geht, ob in Kriegs- oder Friedenszeiten, um Diffamierungen oder um die rücksichtslose Durchsetzung eigener Interessen.

Die Frage, die sich mir da stellt, da dies ja doch in schöner Regelmäßigkeit auftritt: Ist all das nicht Teil der Menschlichkeit und es an der Zeit, den Begriff aus der positiven hin eine neutrale Ecke zu überführen? Wie sonst wäre zu erklären, dass Gegner einer bestimmten Politik ihre Argumente nicht mit den Entscheidern, sondern den Leidtragenden austragen? Anderen Menschen psychisch und physisch Leid zufügen, die bereits unbeschreiblich viel Negatives erlebt haben? Ist das menschlich? Ich denke schon. Nur positiv ist es nicht.

Wie kann ein Firmenchef, der internationale Geschicke leitet, seiner 17jährigen Auszubildenden nur aus einer Laune heraus mitten im Meeting kündigen und sie heim schicken? Ohne triftigen Grund, einfach, weil ih das Administrative zu lästig geworden zu sein scheint? Gerade erst live erlebt. Und natürlich wird dagegen angegangen. Ändert aber nichts daran, dass auch hier menschliches Verhalten der positiv besetzten Menschlichkeit widerspricht.

Oder was ist mit dem Partner, der die Trennung sucht, damit er wieder glücklich wird? Hat ihn das (Un)Glück der (einst) geliebten Person zu interessieren oder ist es ok, egoistisch Eigeninteressen durchzusetzen? Wenn er dadurch (wieder) glücklich wird, der andere aber kreuzunglücklich, hat sich zu einer vermeintlichen Neutralität innerhalb der Partnerschaft im Durchschnitt nichts verändert. Aber wir haben dann einen unglücklichen Menschen mehr, der an jeglicher Menschlichkeit zu zweifeln beginnt. Denn er würde ja anders handeln, auch mal Eigeninteressen für das große Ganze zurück stellen. Wenn dies einer geliebten Person nicht gelingt, so zieht man direkt die komplette Vergangenheit in Frage. Oder nicht?

Menschlichkeit ist also Definitionssache und obwohl sich vermutlich nahezu alle Menschen für positiv besetzt „menschlich“ halten, gibt es Kriege, Hunger, Aggressionen, Wut, Traurigkeit, Trennungen, Glück und Unglück. Irgendwas stimmt da nicht. Zeit für das Eingeständnis, dass wir die schlimmsten Tiere sind. Denn ein nicht unwesentlicher Kern des menschlichen Handelns scheint die Befriedigung des eigenen Ego zu sein – kein Arterhalt, kein Schützen der Natur, kein „Liebe Deinen Nächsten“. Das alles findet nur dann Platz, wenn die eigenen Bedürfnisse auf dem Weg ebenfalls erfüllt werden. Auch das ist menschlich. Aber nicht glorifizierend.

Keep on rockin´
Ree