Und plötzlich einfach fort!

Lebensende. Auch wenn es uns alle ereilt, früher oder später, und wir uns theoretisch jederzeit darauf vorbereiten könnten, scheint es doch selbst bei geliebten Menschen in gehobenem Alter irgendwie überraschend, dass derjenige nicht unsterblich gewesen ist. Erinnert man sich doch noch an die eigenen, nicht allzu lange zurückliegenden Worte über die Zähigkeit, den unerschütterlichen Atem, die Vermutung, dass die Hundert locker zu überschreiten sind. Gerade wenn es sich um ein so zartes Persönchen wie meine Oma handelte, die trotz ihrer nachteiligen Physis erstaunlich vielen Rückschlägen getrotzt hatte, war man geneigt zu denken, dass sie nichts in die Knie zwingen könnte.

Welch fataler Irrtum, wie mir heute früh die Kurznachricht meiner Mama, mit dem unverblümten Inhalt „Oma ist gestorben“, in all ihrer Gnadenlosigkeit mitteilte. Nicht sanft eingeschlafen, leider, sondern durch eine fatale Fehlentscheidung der Ärzte aus dem Leben gerissen worden, die sie gestern trotz heute posthum diagnostizierter Lungenentzündung und gegen den Widerstand der Familie nach Hause geschickt haben. Ich bin unfassbar sauer darüber, da es somit vermeintlich vermeidbar war, doch wird das nun Teil von Ermittlungen, die der heutige Arzt eingeleitet hat und soll(te) eigentlich nicht Bestandteil dieses Blogeintrags werden. Ok, der Frust hat gesiegt.

Doch es geht darum, einem Menschen zu gedenken, dessen Selbstlosigkeit mehr als bemerkenswert war, ein paar Worte zu verlieren, auch um meine Erinnerung zu konservieren. Vielleicht der für mich persönlichste Beitrag, möglicherweise für keinen anderen Leser irgendwie von Bedeutung. Doch bin ich zu einem großen Teil bei meiner Oma aufgewachsen, habe viele Stunden und Tage an Wochenende und in den Ferien mit ihr verbracht, habe mir unzählige Benjamin-Blümchen-Kassetten kaufen lassen und gelacht, so unfassbar viel gelacht.

Es war mir eigentlich immer unbegreiflich, wie sie es stets fertiggebracht hat, mit dem wenigen Geld, den vielen (Enkel-)Kindern so viele Herzenswünsche zu erfüllen und Augen zum Glänzen zu bringen. Wie sie fried- und freudvolle Weihnachtsfeste veranstalten und sich wie ein Kesselflicker streiten konnte – vorzugsweise mit ihrem leider viel zu früh verstorbenen Mann, meinem Opa. Geldnot, ein vorherrschendes Thema in Kindertagen, wurde von ihr mit dem letzten Pfennig gelöst, so dass man sich nur wundern konnte, wie sie sich überhaupt die letzten Lebensmittel hat leisten können; doch dann kommt wieder die Erinnerung, an die vielen im Stillen verrichteten Arbeiten bis ins hohe Alter, beispielsweise vom frühmorgendlichen Putzen eines großen Supermarkts.

Sie wurde in eine Zeit geboren, die wir uns alle heute nicht mehr vorstellen können (manchen rechtsgedrehten Hohlbratzen täte ein Flashback allerdings mal recht gut) und die bedrohlicher und beschwerlicher gewesen sein dürfte, als alles, was um uns herum aktuell passiert. 1930 entbunden, während des Krieges per Landverschickung in vermeintliche Sicherheit gebracht, durfte sie nach 1945 in eine völlig zerstörte Heimatstadt zurückkehren. Die Nazis hatten Deutschland zugrunde gerichtet und sie zeitlebens zu einer Verfechterin von Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit gemacht. Etwas Gutes im Schlechten. Vielleicht kam daher auch ihre Geradlinigkeit, die durchaus schon mal in wenig charmanten Konfrontationen enden konnte.

Mit 21 dann ist sie erstmalig Mutter geworden, normal in der damaligen Zeit, und ab diesem Moment zählte nur noch die Familie, für die sich aufgeopfert und als Gastwirtin (im legendären Bickefelder Tor) bis spät in die Nacht malocht wurde. Vier Jungs hat sie groß und stattlich erzogen, auch wenn es Rückschläge gab, doch alle schenkten sie ihr Enkel, reichlich in Summe, so dass es auch später nicht langweilig (aber auch finanziell nicht besser) wurde. Urlaube waren nicht drin, aber Dortmund war stets Wohlfühlort und Heimat zugleich. Die Wohnung mit kleinem Garten entpuppte sich insbesondere in den 80er und 90er Jahren zu einem Treffpunkt voller Kinderlachen und Erwachsenengespräche.

In den vergangenen Jahren wurde das dann seltener, die Kinder wurden groß, verteilten sich und der Umzug in eine neue Wohnung sorgte aus unerfindlichen Gründen dafür, dass die Besuche nachließen und das Heimatgefühl verschwand. Oma hatte immer Verständnis, dafür, dass alle ihrer Wege gingen, ihr eigenes Leben gestalteten und nur selten von sich hören ließen, doch bin ich sicher, im Stillen hat sie es schon bedauert. Mit den Jahren (und schwindendem Gehör) zog sie sich auch aus Gesprächen mehr und mehr zurück und obwohl sie immer noch Freude auszustrahlen wusste, nahm sie einen passiveren Part ein, den man so von ihr nicht kannte.

Hatte man kurz vorher noch nach 90 Minuten am Telefon krampfhaft nach einem Ausweg zum Auflegen gesucht, war es nun schwierig, sie zu mehr als zwei Minuten am Hörer zu bewegen. Das war schade, aber auch selbst verursacht. Warum sind wir so unregelmäßig erschienen, warum habe allein ich sie nur maximal fünfmal in den letzen drei Jahren gesehen? Das bleibt für mich ein Schandfleck, der nicht zu bereinigen ist. Ich hatte stets das Gefühl, durch meine Mama an ihrem Leben teilzuhaben, weil sie mehrfach wöchentlich dort war und alles berichtete – aber das ersetzt keine persönliche Begegnung, das weiß ich jetzt und wusste es immer. Nur habe ich es nicht in Energie umgesetzt und schäme mich dafür; vor mir selbst, niemandem sonst.

Doch bleiben werden die Erinnerungen an den wichtigsten Menschen neben meinen Eltern. An Übernachtungsparties in einem Zelt aus Bettdecken. Spaziergänge durch Hördes Straßen. Diskussionen über die Marotten der Nachbarn. Und so unfassbar vieles mehr. Fehlen wird sie mir, sehr, auch wenn es zu meinem Bedauern zuletzt vordergründig eher das Wissen war, dass in der fernen Heimat diese stets vertraute Person lebt und auf ein erfülltes Leben zurück blickt. Aus jedem Urlaub habe ich ihr eine Karte geschickt, nur ihr und meinen Eltern. Es wird seltsam sein, demnächst nur noch eine zu verschicken.

Was bleibt, ist Gewissheit. Darüber, dass mein Verhältnis zu meinen Eltern, so bizarr es manch einem wegen seiner Enge erscheinen mag, genau richtig für mich ist. Die innere Sicherheit, dass ich niemals eine Partnerschaft haben möchte, die in Konkurrenz zu dieser Verbindung steht; nein, wenn ich mich nochmal binden sollte, möchte ich, dass das in einem tiefen Verständnis darüber wurzelt, dass mir meine engste Familie über alles geht – man kann Teil davon werden und ich war fest davon überzeugt, dass dies in den vergangenen Jahren beidseitig erfolgt war, möglicherweise zu unrecht. Doch bin ich frohen Mutes, dass, sollte es sich für mich irgendwann mal wieder dahin entwickeln, jemand, der sich für mich entscheidet, auch meine Eltern ins Herz schließen würde. Denn ohne sie wäre ich nicht(s), ich verdanke ihnen alles und werde das in der uns gegebenen Zeit bewahren. „Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.“ – Augustinus Aurelius. Ich möchte hinzufügen: „Bis ins hohe Alter!“. Oma, rock den Himmel und geh dem Opa mal wieder richtig auf den Keks. Wir sehen uns … irgendwann!

Keep on rockin´
Ree

Oma_Ree

Wenn der Antrieb fehlt! (183/366)

Rückfall. In alte Gewohnheiten, alte Zeiten, überwunden geglaubte Geschichten oder vergangene Gedanken. Mag man sich auch gerne an schöne Erlebnisse erinnern, rückbesinnen auf spaßige Zeiten und glorreiche Tage, so holen einen in trübseligen Momenten doch eher die unschönen Dinge ein, die man eigentlich verdrängen und im tiefsten Keller der eigenen Seele verbarrikadieren wollte. Auslöser können ganz profane Dinge sein, wie ein Ortsschild, welches eine Partnergemeinde aufführt, mit der man eine halbwegs emotionale Verbindung aus einer sterbenden Partnerschaft hatte. Oder auch einfach eine unerklärliche Sehnsucht nach etwas unerklärlich Vergangenem, die im Griff zum Telefonhörer gipfelt und einen in eine zu bewältigende Realität zurück katapultiert.

Befindet man sich dann noch an einem Ort, wo rundum urlaubsgeschwängerte Glückseligkeit herrscht, öffnet sich eine mentale Grube und die Seele, das Herz, jegliches positive Gefühl, wandern schnurstracks hinein. Erstmal in diesem schwarzen Loch gefangen, sind die nächsten Stunden ein Kampf mit sich selbst, ein Krampf in der Magengegend und eine Feuchtigkeitskur für die Augäpfel. Alles kommt nochmal hoch, bricht sich Bahn und wird doch verzweifelt unter der Oberfläche gehalten, damit die Umwelt, die einen begleitenden Freunde, möglichst wenig davon mitbekommen. Schließlich soll ihre Qualitätszeit nicht schon wieder von meinen stets wiederkehrenden Wehwehchen beeinflusst werden.

Selbstverständlich merken sie es dann aber dennoch, logisch, sind ja die besten Freunde der Welt, und sie reden auf einen ein, schimpfen, pflegen, bauen auf und versuchen, das eigene Unverständnis zu unterdrücken. Was ich widerum natürlich ebenfalls merke, man kennt sich einfach schon zu lange. Doch es hilft, ein wenig zumindest, um die Welt wieder etwas gerade zu rücken. Klar, die Ziggarren und der Wein tun ebenfalls ihr bestes, dieses vermaledeite Gehirn für heute auszuschalten, doch es sind die Menschen, die dem Leben ihren Wert verleihen. Zumindest die, denen man vorbehaltlos vertrauen kann, weil sie eben nicht den eigenen Vorteil im Sinn haben, sondern wie ich die Stärke aus der jeweiligen Gegenseitigkeit ziehen.

Was weitere Zweifel aufziehen lässt. Ist es für einen sensiblen Menschen wie mich tatsächlich eine gute Lösung, aus der gewohnten Umgebung auszubrechen und sich auf unsicheres, ungewohntes Terrain zu begeben? Auch noch den letzten sicheren Hafen, die Beständigkeit der täglichen Arbeitsroutine, ziehen zu lassen, wo doch alles andere schon den Bach runtergegangen ist? Klar weiß ich, dass wahre Freundschaft bleibt, doch bleibt auch die Angst, ist doch der Großteil meiner alten Freunde in Dortmund zwangsläufig seiner Wege gegangen, als ich vor zehn Jahren ins Rheinland zog und die Treffen seltener wurden. Wenn man ehrlich ist, existiert von damals nur noch eine wirkliche Freundschaft, und selbst wir sehen oder sprechen uns nur noch von Zeit zu Zeit. Da kommt schon mal die Sorge auf, dass den Bonner Freundschaften ein ähnliches Schicksal blüht, wenn ich mich jetzt auf in die weite Welt mache.

Dass ich so etwas zudem noch niemals alleine angegangen bin, erhöht den Druck und das Misstrauen. Ich bin kein Mensch für Solotrips, ich bin ein Teamplayer, maximal ein Bandleader, sicher aber kein Eremit. Ich brauche Vertrauen und Vertraute um mich herum, meine persönliche Freude zieht sich aus geteilten Erlebnissen, Abenteuern und der gemeinsamen Bewältigung von Hindernissen. Ach, es ist ein Elend. Unfassbar viele schöne Tage liegen hinter mir, zumindest für meine aktuellen Verhältnisse, und nun reißt mich ein Gedankentsunami wieder so tief herunter, wirbelt mich durcheinander und zieht mich zurück in das Meer voller Sorgen. Luxusprobleme, ich weiß, aber eben meine, ganz persönlich. Und damit doch so schwerwiegend für mich, dass ich sie als besonders zermürbend erachte. Ich hoffe, diesmal handelt es sich um einen wahrhaft kurzfristigen Rückfall, will ich doch die nächsten Tage halbwegs unbeschwert verbringen und endlich mental wieder festen Boden unter den Füßen bekommen. Der Rest des Lebens besteht aus der Zukunft, nicht der Vergangenheit; es ist an der Zeit, dass Herz, Hirn und Seele das ein für allemal begreifen. Echt mal!

Keep on rockin´

Ree 

Der Kopf macht Angst zu Wahn! (182/366)

Angst. Wo wären wir ohne sie? Vermutlich lange ausgestorben, denn es ist ja ein Zustand der erhöhten Wachsamkeit, völligen Konzentration und verstärkten Ausschüttung von Adrenalin. So gesehen ist Angst ein freundliches, gar wünschenswertes Momentum, würden wir doch ohne sie weniger aufmerksam und vorausschauend unterwegs sein. Oder ist das in Wahrheit gar nicht so toll? Ist es vielleicht sogar das, was uns hemmt, zurück hält, abwarten und Chancen verpassen lässt? Weil wir so sehr auf Sicherheit und Verlustvermeidung bedacht sind, dass uns der Zauber des Neuen überhaupt nicht mehr ereilen kann, weil wir ihn nicht zulassen?

Schlimmer noch, steigern wir uns in unseren Ängsten doch manchmal in wahrhafte Wahnzustände. Verliere ich meine Frau, werde ich nie wieder eine neue, so tolle und faszinierende Beziehung führen können (stimmt meist nicht). Kündige ich meinen Job, werde ich nie wieder eine neue Beschäftigung finden und muss mein Leben fortan in bitterer Armut verbringen (unwahrscheinlich). Zahle ich nicht genug und regelmäßig in die Rentenkasse ein, werde ich im Alter verhungern (möglich, aber ist bei der zu erwartenden staatlichen Rente auch trotz fortlaufender Zahlung nicht unrealistisch). Genau das macht der Kopf, nimmt sich Ängsten an und überführt sie sukzessive in eine Art Wahnzustand, bis es möglicherweise wirklich zu spät für Veränderungen, Abenteuer und neue Erlebnisse ist. Bis wir alt sind, auf dem Sterbebett liegen und dort all die Dinge bereuen, die wir nicht gemacht haben.

  Ich möchte daraus ausbrechen, obwohl ich (was auch sonst) Angst davor habe. Obwohl mich die oben genannten Punkte sämtlich selbst verfolgen, beschäftigen und, ja, auch bremsen. Doch nun ist es Zeit, einen brachialen Schritt zu unternehmen. Hat mir das vergangene Jahr gezeigt, was für ein Arschloch das Leben sein kann, möchte ich dem nun vorbeugen und selbst ein Wagnis eingehen. Es muss einfach sein, ich muss mal wieder spüren, wie man lebt. Wie ich lebe. Und wie ich mein Leben selbst in die Hand nehme. Es fühlt sich, trotz der Angst, jetzt schon gut an. Obwohl noch die ein oder andere Formalie zu erledigen ist. Aber das wird sich regeln und spätestens im Oktober bin ich das erste Mal nach 22 Jahren im Berufsleben für ein paar Monate Herr meiner Dinge. Strange. Aber bestimmt auch extrem spannend.

Eine weitere Bestätigung dieser Richtung kam in dieser Woche, von meiner geliebten Mama, die, obwohl nochmal 20 Jahre älter, den Sprung in einen anderen Bereich gewagt hat und bislang nur Positives zu berichten weiß. Nette Menschen drumrum, offenbar eine spannende Aufgabe und, das Allerwichtigste, ein deutlich optimistischeres Zukunftsbild. Parallel folgte gleich ein ernüchterndes Gegenbeispiel, meiner ebenfalls geliebten Oma. Hier zeigt sich deutlich der Abbau des menschlichen Körpers, fremde Hilfe wird in einer stetig wachsenden Frequenz nötig. Und ich bin mir sicher, sie hätte die vergangenen Jahre lieber anders, lebhafter, unternehmungslustiger gelebt. Das kann man nun leider nicht mehr ändern (und ich bin Teil dieser Verfehlung, was ziemlich schmerzt), doch kann man für sich Schlüsse daraus ziehen. Offenherzig leben, etwas wagen und, ganz wichtig, niemals den Kontakt zu den Eltern abreißen lassen. Wir sprechen täglich, was ich auch beibehalten will, sehen uns regelmäßig und tauschen uns über nahezu alles aus. Ein Ankerpunkt, den ich niemals missen möchte. Und mit diesem im Rücken und Zuversicht im Herzen, vermag der Körper hoffentlich, die Wandlung von Angst zu Wahn weitestgehend zu vermeiden. Klingt doch gut, oder?

Keep on rockin´

Ree

  

Das kleine Glück im Innen und Außen! (181/366)

Ruhe. Stellt sich manchmal an den ungewöhnlichsten Orten ein, mitten in der Stadt, im Stadion und gerne auch mal trotz einer Meute tobender Kinder um einen herum. Gut, ein hervorragender Musikspieler mit entsprechend guten Kopfhörern wirkt dabei durchaus unterstützend, aber auch ohne können spannende Gedanken, schöne Geschichten und genauso vollkommene Leere diesen Effekt erzielen. Und dann wurd es fast ein bißchen magisch.


Das hatte allerdings überhaupt nichts mit der Umgebung zu tun, nein. Es lag an der von J. K. Rowling erschaffenen Zaubererwelt und ihrem für mich fantastischen Entschluss, eine Fortsetzung zu verfassen. Zwar nur als Theaterstück und daher auch im Buch lediglich in Dialogform geschrieben, nichtsdestotrotz aber das heutige Hilfsmittel, um mich die erste Hälfte dieses Tages von trüben Gedanken zu befreien und in eine andere, irgendwie vertraute Welt einzutauchen. Ich musste mich wahrlich konzentrieren, habe ich doch lange kein Buch mehr auf Englisch gelesen, aber bereits nach wenigen Minuten war ich drin, gefesselt, verstand alles und las flüssig, begierig. Es ist mir seit jeher ein Rätsel, warum mich diese Geschichten so unglaublich gefangen nehmen, heute war es auf jeden Fall eine höchst dankbare Abwechslung. 

Traurig war lediglich die schon angesprochene Form, denn es fehlte das Ausschmücken von Szenerien, die ausgeklügelte Darstellung und Entwicklung neuer Charaktere und auch die gewohnte Länge. Viel zu rasch war das Lesevergnügen daher schon wieder vorbei, auch wenn ich die Geschichte sicherlich in Kürze noch ein zweites Mal lesen werde. Für mich hat diese brilliante Autorin eine tolle, stimmige Fortsetzung verfasst, die in ihrem geschichtlichen Rahmen den Usprungsbänden gerecht wird. Ich kann nur hoffen, dass sie viel Spaß daran gefunden hat und nach Harry Potter and the cursed child noch manch anderen Band folgen lassen wird. Die Figuren würden es ohne weiteres ermöglichen.

So verbrachte ich also den halben Tag am Pool (und war entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten sogar kurz im Wasser), wurde beim Lesen braun und war aller trüben Gedanken ledig. Ab ca. 16 Uhr brachen wir dann auf nach Bardolino, uns gelüstete nach einem Eis und mein bester Kumpel entdeckte im Internet herausragende Bewertungen einer Gellateria mit Seeblick. Auch mein Pseudo-Patenkind hatte keine Einwände und so entdeckten wir ein Kleinod, welches das übervolle Lazise direkt verblassen ließ. Eine herausragende Promenade, urige Gässchen, stylishe Lokale, kleine Shops und eine sehr schöne Kirche – inklusive des Wetters ließ absolut nichts zu wünschen übrig.


So chillten wir zum Tagesausklang, aßen Eis, tranken leckere Cocktails und ließen die Zeit Zeit sein. Auch wenn hier zwischenzeitlich der Alltag Einzug hielt, waren doch einige Dinge rund um die berufliche Entscheidung zu regeln und nehme ich Teil an der aktuell schwierigen Situation rund um meine Oma, konnte doch mit Blick auf den See und einem gemütlichen Spaziergang ein wenig der Zerrissenheit ins rechte Licht gerückt werden. Auch wenn mich die Situation rund um Haus und Co weiterhin schwer belastet, scheinen sich andere kritische Bausteine so langsam regeln lassen. Und zumindest das ist doch etwas erfreuliches. Wäre fein, wenn es morgen so weiter gehen würde. 

Keep on rockin´

Ree 

Dem Leben auf der Spur! (149/366)

Stillstand. Im Stau des Lebens angekommen, in dem sich eine Masse an Menschen hintereinander her bewegen möchte, dabei aber keinen Schritt vorwärts kommt und selbst die nebeneinander platzierten Personen in der Regel zu genervten Individuen mutieren, die sich mit andauernder Zeit immer weniger zu sagen haben. Auch wenn sich diese Beobachtungen tatsächlich auf einen erlebten Verkehrsstau beziehen, so könnten sie doch in großen Teilen auch ebenso als Sinnbild für den ganzen Rest des Lebens herangezogen werden. 

Eine ganze Zeit lang bewegt man sich flüssig durch die Monate und Jahre, setzt sich Ziele und erfreut sich an den Abenteuern, die neue Entdeckungen und Erkenntnisse mit sich bringen. Man lernt Freude und Schmerz kennen, realisiert, dass beides nie von ewiger Dauer ist und um die nächste Ecke schon die Bremslichter auf einen warten können. Mal stockt es nur für einen Augenblick, manchmal jedoch wird man förmlich zum Stillstand gebracht. In jungen Jahren weiß man dann in der Regel diverse Freunde um sich, so dass man stets auf jemanden zurückgreifen kann und so selbst im tiefsten Schlamassel nicht allein ist. Man lernt Vertrauen und die Zuversicht, dass man gemeinsam alles schaffen kann.

In fortgeschrittenen Jahren aber zerstreuen sich so einige Bekanntschaften in die verschiedenen Himmelsrichtungen und wenn man selbst gezwungen war, die Zelte in der Heimat abzubrechen, kann es sein, dass am neuen Wohnort die Fixierung auf sehr wenige vertraute Personen konzentriert wird. So lange alles in geordneten Bahnen läuft, alles flüssig vonstatten geht, ist das nicht weiter bemerkenswert und wird durchweg positiv wahrgenommen. Auch die Entdeckung einer neuen Umgebung ist ein schönes Abenteuer, wenn man die Erlebnisse am Abend mit geliebten Menschen teilen kann.

Doch mit der Zeit, wenn es Routine wird, der Alltag einkehrt und die Entdeckungen weniger werden, dann kann es passieren, dass man in einer zähfließenden Rochade landet, die nach und nach zu einem Lebensstau mutiert. Die Geschichten werden oberflächlicher, die Aufmerksamkeit nimmt ab und die Stille zu. Abfällige Kommentare halten Einzug und neutrale oder gar negative Äußerungen erhalten eine gar furchteinflößende Bedeutung. Sie werden zu Wirkungstreffern für die Seele, äußerlich zunächst kaum zu erkennen, doch mit der Zeit bahnbrechend, bis es zum unausweichlichen Streit kommt. Oft ist die Situation dann bereits verfahren, der Streit kein reinigendes Gewitter, sondern Anfang vom Ende. 

Alle Beteiligten, ob in Partnerschaft oder enger Freundschaft, sollten sich darüber bewusst sein, dass ihnen so etwas früher oder später bevorsteht: Die Routine, der Alltag, das Ende der täglichen Abenteuer. Sie sollten offen damit umgehen und sich dadurch bewusst machen, dass das normal ist. Sollten sich Auswege suchen, in Hobbies, gemeinsamem Sport, liebevollen Gesten und Worten (das darf gerne Routine werden), auch mal getrennten Unternehmungen. Es ist wichtig, sich auch belanglos erscheinende Kleinigkeiten zu erzählen und vielleicht sogar mal gegenseitig ein Buch vorzulesen. Das funktioniert mal besser, mal schlechter, doch sollte es im Regelfall dazu führen, sich einander nahe zu halten.

Der Feind ist die Einseitigkeit. Denn lernen wir natürlich auch, als Individuen für uns selbst verantwortlich zu sein. Egoistisch zu handeln, weil es nicht per se schaden kann, eigene Wünsche zu formulieren. Und weil zu viel Rücksicht zu einer so gravierend großen Verletzlichkeit führt, dass die normale Enttäuschung, der uns alle widerfahrende Schmerz zu einer so unfassbaren Größe anschwillt, dass wir ihn dann möglicherweise nicht mehr kontrolliert und eingedämmt bekommen. Die Gratwanderung ist schwierig, das Gleichgewicht zu halten eine hohe Kunst. Denn zu viel Egoismus wirkt ebenso abstoßend wie übermäßige Kompromissbereitschaft.

Letzteres ist meine Nemesis, mein Dolch, der immer wieder unnachgiebig in mein Herz stößt. Egoismus war ein Fremdling, nur die Aufopferung verhieß Zufriedenheit. Doch hat dies bereits zweimal zu todeskampfähnlichen Qualen in Herz und Seele geführt, den Abgrund aufgetan und alles Schöne in Frage gestellt. Es gilt, die Balance zu finden, doch bin ich schwach. Was ich will wechselt täglich, was ich soll weiß ich nicht. Nur dass der Stau, die Blockade, aufgelöst werden muss, damit es weitergehen kann. Vielleicht brauche ich einen Räumdienst. Oder muss abtransportiert werden. Vielleicht ist es wirklich an der Zeit für eine neue Umgebung. Vielleicht aber auch nicht, möglicherweise ist durchhalten die Parole. Ein Tannenbaum im Kopf ist wahrlich keine Freude. Und versprechen, was man nicht halten kann, das sollte man nicht – auf keinen Fall sich selbst.

Keep on rockin‘

Ree

Eigenverantwortlich, doch nicht allein! (082/366)

Selbstständig. Tun und lassen dürfen, was man möchte, davon träumen in erster Linie heranwachsende Jugendliche, aber auch so mancher in einer Beziehung befindlicher Zeitgenosse oder routinierter Arbeitnehmer. Fühlt man sich doch rasch eingeengt, von Eltern, Partnern, Vorgesetzten, beschränkt in seinen Möglichkeiten und gehemmt in der individuellen Entfaltung.

Dazu gehört aber auch, Verantwortung zu übernehmen für die eigenen Vorhaben und Handlungen. Rückschläge einstecken, Niederlagen verarbeiten müssen. Frustrierende Momente erleben und damit klar kommen, dass sich Entscheidungen als falsch herausstellen und Pläne verpuffen können. Und dann eben nicht die Schuld bei anderen suchen, sondern in Selbstreflexion für die Zukunft lernen.

So einfach ist die ganze Geschichte aber natürlich auch wieder nicht. Abnabelung vom Elternhaus ist schön und gut, aber Eltern bleiben Eltern, und wenn die Not mal groß ist, kann man sich in der Regel auch mit 30, 40, 50 Jahren noch über entsprechende Unterstützung freuen; sei es moralischer, finanzieller oder freundschaftlicher Natur.

In einer Partnerschaft wird die Story nicht minder komplex, gilt es doch, seine Egoismen zu kontrollieren und in Einklang mit den gemeinsamen Wünschen zu bringen. Hier haben individuelle Entscheidungen, die eigenen Planänderungen und Alleingänge nämlich weit reichende Folgen. Mit einer Entscheidung pro Beziehung vereinbart man stillschweigend, auch für sich gegenseitig mit verantwortlich zu sein und sorgsam damit umzugehen. Trennungen enden häufig genau deshalb in einem Scherbenhaufen: Weil einer seinen Egoismus nicht kontrolliert hat und „sein Ding“ ohne Rücksicht auf Verluste durchziehen will. In solchen Entwicklungen führt Liebe oft zu Hass, Streit, Rachsucht und Verderben. Ein Elend.

Kommen wir zum Arbeitsleben, ist die Sache klar: Wer in einem abhängigen Arbeitsverhältnis beschäftigt ist, weil das dort verdiente Geld für die Lebenshaltung unumgänglich ist, schränkt dies die Individualität per se ein. Kaum jemand arbeitet in einem Job, in dem er all seine Träume ausleben kann. Selbstständige hingegen haben dann und wann ihr Hobby zum Beruf gemacht und so eine bessere Ausgangsbasis für Individualität; parallel aber auch immer den Druck, schlechten Zeiten entgegen zu wirken.

Ihr seht, Eigenverantwortung begleitet uns überall im Alltag, ist auch enorm wichtig, da nicht immer jemand „für einen da ist“ (glaubt mir, ich kenne aktuell viel zu viel Zeit allein), aber ganz ohne „die anderen“ geht es (zumindest für mich und mein Umfeld) auch nicht. Die wenigsten von uns sind tauglich, als Eremit durch das Leben zu gehen und manche, die sich für besonders eigenverantwortlich halten, merken überhaupt nicht, wie sehr sie andere damit (oft negativ) beeinflussen.

Geht also sensibel mit diesem Thema um, denn zu wenig Eigenverantwortung heißt, dass ihr oft eine zweite Person für euer Glück einspannt (der damit möglicherweise auf Dauer überfordert oder eingeschränkt wird) und zu viel Eigenverantwortung kann dazu führen, dass ihr wie ein Bulldozer ohne Rücksicht auf Verluste durch das Leben geht und das noch nicht mal merkt. Der gesunde Mittelweg ist gefragt; und Freunde, die uns auf die Spur bringen, wenn wir von eben diesem Weg abzukommen drohen.

Keep on rockin´
Ree

Wandelbare Normalität

Konstanz. Wünscht man sich regelmäßig, wenn mal wieder alles quer läuft, vieles auf einmal passiert und man den Überblick zu verlieren droht. Die Hoffnung, irgendwann mal wieder einem geregelten Tagesablauf nachgehen zu können, wächst und man sehnt sich nach der Behaglichkeit von Regelaufgaben oder privat nach einer „normalen“ Beziehung.

Sobald man eins davon, oder gar beides, allerdings mehr als eine Woche wieder hat, dann wacht der Abenteurer in einem auf. Die Gedanken wandern zu fremden Welten, spannenden Herausforderungen oder ungewöhnlichen privaten Aktivitäten. Hätte man doch die Sportlaufbahn nicht leichtfertig aufgegeben. Warum hat man das Tanzen an den Nagel gehängt? Und wieso wird es eigentlich immer Mallorca, wo es doch so viele coole exotische Ziele gibt, an denen es trotzdem sicher genug ist, um nicht gleich das Leben aufs Spiel setzen zu müssen?

Das ist die Schizophrenie des Lebens vieler Menschen: Die Sicherheit des gewohnten Umfelds ist die Basis aller Wünsche, die Sehnsucht nach „mehr“ scheint aber das eigentlich Vorantreibende zu sein. Womit ich nicht mehr Geld meine, auch wenn das offenkundig den ein oder anderen anzutreiben scheint, sondern das mehr an Leben, an Qualität, an Abwechslung. Wofür steht das Leben, wenn man alles in seinem gewohnten Umfeld in- und auswendig kennt und keine Überraschungen mehr auftreten? Genau, hier setzt es an.

Doch reichen nicht auch die Träume oftmals schon aus? Dreißig Minuten über kaum Erreichbares sinniert und schon geht die Arbeit wieder leichter von der Hand. Mit dem Partner per Unterhaltung gedanklich an fernen Traumstränden verweilen und schon ist der Spaziergang im trüben Grau etwas bunter. Diese Chance ist schier unendlich.

Und manchmal, ja manchmal entstehen daraus tatsächlich Abenteuer. Eine Reise, die ganz und gar nicht verläuft wie geplant. Der Chef, der eine superspannende neue Aufgabe aus dem Ärmel zaubert. Unerwartete Freuden daheim oder ein Wuffmaster, den plötzlich selbst die Abenteuerlust gepackt hat und der auf einmal regelmäßig bei kleinster Unachtsamkeit ums Eck entschwunden ist, um die kleine Welt seiner Heimat zu erkunden. Letzteres macht mich manchmal rasend, in erster Linie vor Sorge, und doch kann ich es auch verstehen: Ein Hund möchte einfach ebenfalls mal aus seiner Norm ausbrechen und, wenn auch nur für ein paar Minuten, einen Wandel Richtung prickelnder Spannung und Neugier ausleben.

Das sollten wir uns alle von Zeit zu Zeit erlauben. Oder nicht?

Keep on rockin´
Ree