Das Leben ist ein Marathon! (155/366)

Dauerlauf. Monotone Bewegungsabläufe, um sukzessive voranzukommen, mal schneller, mal weniger schnell. Wettkämpfer streben einer bestimmten Zeit entgegen, Genussläufer wollen einfach nur den Lauf genießen und die Unsteten wechseln immer mal wieder die Distanz, um Abwechslung in den Alltag zu bringen. Gar nicht so anders als der sonstige Part des Lebens, das Leben an sich.

Für die meisten von uns geht es doch jeden Tag irgendwie identisch den Vortagen weiter, die Abläufe sind automatisiert und die Aufgaben unterscheiden sich in der Regel nur um Nuancen von denen anderer Tage. Klar, mal sind Lust und Laune besser und man ist ausgeschlafener, motivierter als an anderen Tagen. Dann geht manches leichter von der Hand und fühlt sich besser an. Aber die Routine bleibt bestehen. So zieht das Leben an einem vorbei, von Wochenende zu Wochenende, Urlaub zu Urlaub, Jahr zu Jahr.

Lebt man in einer glücklichen Beziehung, hat Kinder gar, dann ist zumindest die Frage der Sinnhaftigkeit weitestgehend geklärt. Man kann Verantwortung übernehmen und die Routine des täglichen Daseins, der beruflichen Einspannung, ergibt Sinn. Außerdem bringen Kinder eine Abwechslung ins Leben, die zwar meine Freunde auch oft verzweifeln lässt, in Summe aber zu häufigen Perspektivwechseln und Lebenslust zu führen scheint.

Ist man hingegen alleine, noch dazu so brachial aus einer Partnerschaft gerissen worden, dass einem der nachhaltige Glaube an alles Gute in einer solchen Beziehung abhanden gekommen ist, dann gilt es wohl, eine gewisse Zeit der Monotonie überwinden zu müssen. Einfach zu funktionieren, terminologisch weiterzulaufen, um vielleicht irgendwann wieder einen interessanteren Abschnitt zu erreichen.

Doch vielleicht muss man auch mal ausbrechen. Nach links und rechts schauen, eine Abkürzung wählen oder eine Nebenstrecke probieren. Mal querfeldein laufen, ohne zu wissen, wo der Weg hinführt. Da kommt das Risiko ins Spiel, die innere Stimme, stets zur Vorsicht mahnend und den sicheren Pfad vorschlagend. Doch wann sollte man sie überstimmen wenn nicht jetzt, wo sowieso alles zerbrochen ist, man bis zu den Knien in Scherben steht und die momentane Position nur noch schmerzt? Wann sonst ein Risiko eingehen? 

Vielleicht reicht es nicht mehr, das Drumherum einfach zu ertragen, weil man es gewohnt ist, den Job gut beherrscht und einige Freunde in der Nähe sind. Vielleicht muss man in die Welt, die ja groß genug ist, um jeden Tag etwas Neues zu sehen. Vielleicht muss man auch einfach nach Hause, weil einen die Stadt die man lieb gewonnen hat doch nur abstoßen möchte? Der Marathonläufer der Antike ist am Ziel zusammengebrochen, gestorben am Ende seiner Sehnsüchte. Er hatte seinen Auftrag erfüllt, ob er glücklich starb? Vermutlich einfach nur erschöpft. Aber vollkommen. Das ist doch was.

Keep on rockin‘

Ree

Die Unabwendbarkeit des Todes! (152/366)

Sterben. Müssen wir alle. Doch in letzter Zeit passiert in der Welt und um mich herum zu viel. Soviel, dass ich schon mal ein Ziehen verspüre, ein ungutes Gefühl, gefolgt vom Gedanken an die ureigene Gefahr, dass einen Selbst etwas ereilen könnte. Ich werde ja nicht jünger und, so doof es klingt, die Einschläge kommen näher. Immer häufiger erfahre ich von ernsthaften Erkrankungen innerhalb meines erweiterten Bekanntenkreises und nicht selten sind die betroffenen Personen sogar jünger als ich.

Kommt dann eine weitere Todesnachricht über den Äther, in der Regel prominente Personen betreffend, setzt sich das Gedankenkarussel erst recht in Gang. War es bei Muhammed Ali, dem Größten aller Großen, irgendwie doch absehbar, so schockierte mich die Nachricht des vermeintlichen Freitods von Fußballtrainer Sascha Lewandowski doch gehörig. Nicht nur weil er öffentlich stets einen entspannten, bodenständigen Eindruck hinterließ, sondern im Besonderen weil er ein alter Weggefährte ist.

Wir trafen uns beim VFR Sölde, er als talentierter Spieler, ich im Dunstkreis der Jugend (Sascha war sechs Jahre älter als ich); wir tauschten uns aus und auch nach seinem Wechsel in den Trainerstab von Eintracht Dortmund riss der lose Kontakt nicht ab. Immer freundlich, tiefgreifend und von gegenseitiger Sympathie war das geprägt und verlor sich erst, als er immer stärker eingebunden war und auch ich meine eigene berufliche Karriere vorantrieb. Noch bei Bayer Leverkusen haben wir ein paarmal geplaudert, aber nie hatte ich auch nur eine Ahnung, was in ihm wirklich vorging. Bis sein Zustand über den Abgang bei Union Berlin publik wurde.

Dennoch hätte ich das nun nicht erwartet, wer tut das schon. Was es auslöste, neben einem kleinen Schock beim Anblick des Schwarzweißfotos, waren die Gedanken über mich selbst, meine letzten Monate, die Gefahr, in einen Strudel ohne Ausweg zu geraten. Ich glaube nicht, dass die inzwischen völlig gebannt ist, aber in einer solchen Gefährdungslage habe ich mich nie gesehen. Ob er das aber hatte? Auf jeden Fall beschäftigte sich mein Kopf heute fast permanent mit dem Unausweichlichen, der Unabwendbarkeit des Todes.

Alle wird er irgendwann ereilen und es gilt, vorher vernünftig zu leben, denn niemand weiß, wann der Sensenmann uns holen kommt. Krankheit, Unfall, Altersschwäche – das sind die gängigen Varianten. Vieles davon kann ganz schön schnell gehen. Mich führt das wieder zur Frage der Risikobereitschaft, zum Abfindungsangebot, zur Reise- und Schreibelust. Muss ich immer auf einen sicheren Hafen pochen, wo es doch keine Familie, keine Kinder zum Absichern gibt? Sollte ich nicht mehr Risiko gehen, da ich es doch nur vor mir selbst verantworten muss? Kann ich dem Tod nicht glücklich entgegentreten, wenn ich zuvor selbstbestimmt und erfüllend gelebt habe? Fragen meines Lebens. Sie machen mich wahnsinnig. Mach´s gut, Sascha. Ich hoffe, dort wo Du nun bist findest Du die Ruhe und den Frieden, der Dir hier nicht vergönnt war.

Keep on rockin´
Ree

Zum Umgang mit Mördern

Todesstrafe. Gleiches mit Gleichem vergelten? Warum eigentlich nicht? Weil es menschenunwürdig ist? Aber rechtfertigen menschenunwürdige Taten nicht eine gleichgestellte Bestrafung, verdient sich der Täter diese durch seine Taten nicht sogar? Weil es Fehler gibt, weil man niemals einen Irrtum ausschließen kann? Klar, wäre fatal, allerdings könnte hier das von manchen proklamierte „Ein Fehler rechtfertigt Tausend richtige Entscheidungen“ herangezogen werden. Zudem könnte höchst sensibel mit einem entsprechenden Urteil umgegangen werden – das Todesurteil nur bei unumstößlichen, nicht widerlegbaren Beweisen – der Rest kommt lebenslang (wirklich lebenslang, nicht bloß 15 Jahre) in eine Gummizelle. Gerne auch mit gewissem Equipment, Strick, Stuhl, Haken … dann erledigt sich so manches Problem ganz schnell von selbst. Unsicherheitsfaktor: Auch ein verzweifelter, weil unschuldig Verurteilter könnte sich das Leben nehmen oder geistig zerrüttet werden – doch zieht dann eventuell die oben bereits erwähnte Proklamation.

Was aber ist mit Menschen, die für ihre Taten nicht vollumfänglich verantwortlich gemacht werden können, weil zwar feststeht, dass sie es gewesen sind, aber zum Zeitpunkt der Tat geistige Einschränkungen vorgelegen haben? Ein Fehler als Zerstörung des eigenen Lebens, für immer? Möglich wäre es, immerhin wurde auf der anderen Seite auch ein Leben zerstört und der Zustand des Täters interessiert das Opfer längst nicht mehr. Ist Resozialisierung, Sicherungsverwahrung, Reue tatsächlich Grund genug, für ein genommenes Leben ein anderes zu verschonen (und gegebenenfalls weitere zu gefährden, Rückfallgefahr)? Ich bin selbst hin- und hergerissen, denn in der Regel kann nichts einen kaltblütigen Mord entschuldigen und insbesondere, wenn Kinder zum Opfer fallen, komme ich rasch an meine Widerstandsgrenze, was die Ablehnung der Todesstrafe angeht.

Die derzeitige Berichterstattung über die ermordeten Kinder von Bodenfelde geht in diese Richtung, was mich dabei jedoch stört, ist die derzeitige Aufarbeitung des Täters. Immer schon gewaltbereit, Drogen genommen, unter Beobachtung stehend, die Taten im Internet ankündigend (und nach erfolgter Tat bestätigend, wo sich schon die Frage stellt, was „unter Beobachtung“ wirklich bedeutet) – alles Erklärungsansätze, warum er es getan haben könnte (schwere Kindheit, psychische Labilität, instabile Lebensumstände), die genau eines bewirken könnten: Das letztendliche Urteil verwässern. Denn würde man gemäß unserer Rechtsprechung sagen, dass er voll zurechnungsfähig und dazu noch vorher auffällig war, wäre die Frage nach der Aufenthaltsdauer in der staatlichen Betreuungsanstalt schnell klar: Für immer, inklusive Sicherungsverwahrung (wobei da ja gerade Paralleldiskussionen bezüglich der Rechtmäßigkeit dieser Maßnahme laufen und zudem Platzprobleme existieren – ein weiterer Irrsinn). Durch die Verwässerung könnte es nun weniger oder eine andere Form der Strafe werden – zum Beispiel in einer geschlossenen psychischen Verwahranstalt. Und da bin ich tatsächlich gegen. Die Strafe muss sich an der Tat orientieren, nicht am Zustand des Täters zum Zeitpunkt seiner Taten – und schon gar nicht an seinem schweren Leben in den Jahren zuvor.

Ich bin gespannt, wie das Thema weitergeht und versuche auch, mich von allen Vorverurteilungen zu distanzieren. Sollte der Verdächtige unschuldig sein, muss er freigelassen werden. Trotzdem bleibt mein oben genannter Appell an das Strafmaß bestehen: Der tatsächliche Täter sollte kein Sonnenlicht mehr in Freiheit erleben dürfen. Das ist unser Rechtssystem den unschuldigen Kindern, Eltern und Freunden schuldig. Keep on rockin´ !!